„Die Ökonomie von Gut und Böse“

von René Cassien
Der gerade noch aufgeschobene Zusammenbruch der globalen Finanzwirtschaft hat die Welt in Aufruhr versetzt. Spätestens seit der Insolvenz der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 rätseln Politiker, Ökonomen und Feuilletonisten darüber, wie es zu solch dramatischen Resultaten eines Wirtschaftssystems kommen konnte, welches das permanente Wachstum für den Motor von Wohlstand und den freien Markt als Voraussetzung für globales Handeln predigte.
Der Kapitalismus angelsächsischer Prägung ist in eine tiefe Sinnkrise gefallen. Weder die sich elitär gebende Kaste der Ökonomen, geschweige denn die Politiker haben die Folgen dieser stetigen Wachstumssteigerung, die in Wahrheit durch Fiat-Money – einer Schaffung von Geld durch Bilanzmanipulationen – entstanden ist, voraussehen können oder wollen.
Die Krise ist da und die Suche nach den Gründen und möglichen Auswegen ist in vollem Gange, während die Finanzwirtschaft anscheinend unbeeindruckt von den Auswirkungen des von ihr und der Politik initiierten Dilemmas weitermacht wie bisher. Als hätte es den Kollaps des Finanzsystems nicht gegeben, werden wieder Milliardengewinne mit Geld gemacht, das sich ausschließlich durch Luftbuchungen und kriminell anmutende finanztechnische Kunstgriffe vermehrt. Reale Werte, die in der „normalen“ Bankwirtschaft die ausschlaggebenden Größen sind, sind in der Finanzwirtschaft eher selten anzutreffen.
Einer der Ökonomen, der sich auf die Suche nach den Gründen des Scheiterns der bisher angewandten Theorien gemacht hat, ist Tomáš Sedlácek.
Tomáš Sedlácek ist anders. Anders zumindest als man sich den Chefvolkswirt der größten tschechischen Bank vorstellen würde, einen, der den ehemaligen Präsidenten Vaclav Havel während seiner Amtszeit in Wirtschaftsfragen beraten hat, Mitglied im nationalen Wirtschaftsrat ist und an der Prager Karls-Universität lehrt.
Auch Sedláceks Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ ist anders. Anders zumindest als das Wort Ökonomie im Titel vermuten lässt. Tomáš Sedlácek sagt:
„Es sei kein Buch der Antworten, was zu tun sei, aber er hoffe, dass es ein Buch der Orte sei, an denen sich Antworten finden lassen.“
4B56696D677C7C33313630393339347C7C434F50An diese Orte nimmt Sedlácek seine Leser, die keine ökonomische Vorbildung brauchen, mit. Es ist eine wilde Reise, die vom Vorderen Orient bis ins Europa der Aufklärung geht und noch weiter bis heute. Es ist eine Reise durch die Geschichte der menschlichen Gesellschaft. Denn hier sind seiner Meinung nach die Grundlagen für unser heutiges Verständnis von Ökonomie zu finden. Auch wenn sich heutige Ökonomen nicht immer daran erinnern oder erinnern wollen, weil es ihre Wissenschaft viel weniger exakt erscheinen lässt, wenn sich deren Wurzeln auf religiöse Texte und alte Mythen wie das babylonische Gilgamesch-Epos zurückverfolgen lassen.
Sedlácek setzt sich im ersten Teil seines Buches intensiv mit den Gedanken zu wirtschaftlichen Fragen auseinander, die in seiner Lesart sowohl in den jüdischen als auch den christlichen Texten eine wichtige Rolle spielen.
Die Bibel und die Ökonomie sind viel enger miteinander verwoben, als man annehmen würde. 19 der 30 Gleichnisse und Beispiele Jesu im neuen Testament haben einen wirtschaftlichen oder sozialen Kontext: die Gleichnisse von der verlorenen Drachme, vom klugen Verwalter, von den Arbeitern im Weinberg und viele andere.
Auch den Fragen, lohnt es sich – auch wirtschaftlich – Gutes zu tun – und bringt nicht auch das Böse die Entwicklung einer Gesellschaft voran oder muss der Mensch zu seinem eigenen Wohle zum Guten notfalls gezwungen werden – widmet Sedlácek viele Seiten. Ausführlich seziert er die Ideen der griechischen Philosophen, setzt sich mit den Schriften Thomas von Aquins ebenso auseinander wie mit denen von Hobbes, Hume, Mandeville, um nur ein paar Namen zu nennen. Und stellt dabei nicht nur fest, dass für Adam Smith die Moral ein zentraler Aspekt der Ökonomie gewesen ist. Sondern auch, dass die Idee der unsichtbaren Hand, nach der – kurz gesagt – der Einzelne, der nach persönlichem Reichtum strebt, durchaus zum Wohlstand der Gesellschaft beiträgt – schon vor Smith bekannt war, wie dieser Vers des griechischen Dichters Aristophanes zeigt:
Laut einer Legende aus alter Zeit werden all unsere törichten Pläne und eitlen Dünkel auf das Gemeinwohl hingeordnet.
Im zweiten Teil des Buches geht es einmal um die Gier, die Unersättlichkeit, um die Frage wann wir uns dem Wachstum um seiner selbst willen verschrieben haben, und im wahrsten Sinne eine Krise bekommen, wenn dieser Mechanismus ins Stocken gerät.
Tomáš Sedlácek:
„Wir sind uns nicht ganz sicher, wohin wir gehen, aber wir kompensieren das, indem wir immer schneller laufen. Das ist falsch. Wenn man seinen Weg verloren hat, dann sollte man stoppen und nicht noch schneller fahren. Es gibt zwei Wege zu laufen. Entweder läuft man auf ein Ziel zu. Oder man läuft, um des Laufen Willens. Das heißt: Jogging. Das ist okay, aber man joggt immer im Kreis herum. Und wenn man immer im Kreis läuft, sollte man sich nicht wundern, wenn man nirgendwo ankommt.“
Außerdem spürt Sedlácek dem Zeitpunkt nach, an dem die Mathematik in der Ökonomie die Oberhand über Moral und Menschenverstand gewonnen hat. Daraus leitet er zwei Forderungen ab: an uns alle: Wachstum um seiner selbst Willen kritisch zu betrachten. Und an die Mitglieder seiner Zunft: ihren Blick von den blanken Zahlen und Modellen zu heben – denn sie erklären die Welt viel zu mechanistisch – und sich wieder mehr den Menschen zuzuwenden.
Die heiligen Regeln unseres Wirtschaftens sind abstrakt, aber das war nicht immer so. Erst die moderne Ökonomie hat sich von der Moral entkoppelt. Es sind Annahmen und Modelle, denen wir fast alternativlos folgen. Kein Modell hat es geschafft, die jüngsten Krisen vorauszusehen. Unsere Ökonomen sind Hohepriester einer Religion des Fortschritts, der Wissenschaft und Technik und des fast manischen Glaubens an immerwährendes Wachstum.
Sinn des Wohlstands ist es nicht, ihn ständig zu vergrößern, sondern die Gewinne zu genießen. Schon die Hebräer haben erkannt: Je mehr wir haben, desto mehr wollen wir auch. Heute wirtschaften wir nur um des Wachstums willen.
Sedlácek sucht und findet klassische Mythen in der modernen Ökonomie. Den Mythos vom Homo oeconomicus, dem immerwährenden Fortschritt oder der Idee der unsichtbaren Hand des Marktes. Quer durch die Kulturgeschichte vergleicht er das Verhältnis von Nutzen und Moral – quasi auf einer Achse von Gut und Böse. Sein Fazit: Die Ökonomie hat sich heute fast gänzlich von der Moral verabschiedet.
Der freiwillige Verzicht zum Wohle des Ganzen ist der heutigen Wirtschaftsphilosophie völlig fremd. Die unsichtbare Hand soll es richten, persönliche Laster in Gutes umzuwandeln.
Unsere Ära könnte als Zeitalter der Schulden in die Geschichte eingehen. Schulden, die nicht aus Mangel entstanden sind, sondern aus dem Übermaß. Unsere Gesellschaft leidet keinen Hunger – wir müssen ein anderes Problem lösen: Wie kann man jemanden, der satt ist, für ein Mahl interessieren?
Tomáš Sedláček kritisiert in seinem internationalen Bestseller die Wissenschaft im Allgemeinen und die Ökonomie im Besonderen. Entgegen ihrem Selbstverständnis sind sie keineswegs wertneutral und objektiv. Vielmehr sind sie ein Produkt von Kultur, Religion und Mythos – und sie beinhalten selbst zweifelhafte Mythen. Gerade die ökonomische Wissenschaft ist nach Sedláček normativ: Sie entwirft ein Modell der Welt, wie sie sein sollte. So stellt sie ein moralisches Gerüst auf, wird zum Religionsersatz und suggeriert, was gut und böse ist.
Sedláček untersucht, welche Rolle Arbeit und Ökonomie in jenen alten Kulturen, Religionen und Mythen spielen, die uns bis heute beeinflussen.
Er analysiert, welche irrationalen Vorannahmen in der modernen Ökonomie ihr Unwesen treiben. Damit verbunden kritisiert er auch die Mathematisierung der Ökonomie: Dadurch würden Objektivität und die Berechenbarkeit von lebendigen und dynamischen Prozessen vorgegaukelt.
Sedlácek schreibt über den Zynismus einer Wirtschaft, die von allem den Preis kennt aber nicht den Wert, über Preis und Wert seines Bleistifts, über Schönheit, Liebe, Leidenschaft, das Leiden von Tieren, Menschen, die Schönheit unserer Städte und über Werte, für die wir keinen Preis kennen oder für die wir vielleicht keinen Preis haben (sollten).
Sedlácek schreibt über die Tatsache, dass sich menschliche Beziehungen wie Liebe und Freundschaft nicht in mathematischen Formeln pressen lassen, wie es die heutige Wirtschaftswissenschaft tut. Er schreibt über eine Wissenschaft, die für sich die Wahrheit in Anspruch nimmt und arrogant zurückblickt auf die Geschichte des Denkens.
Über die Weisheit der Alten schreibt er, über den Konjunkturzyklus in der Bibel – die sieben fetten und die sieben mageren Jahre des ägyptischen Pharao. Über den Kapitalismus als manisch-depressive Wirtschaftsweise, geprägt von der Manie des gigantischen Wachstums, in dem wir mit brennender Energie eine Blase nach der anderen produzieren und wieder zum Platzen bringen. Über die Wachstums-Besessenheit, die wir der heutigen Wirtschaftsweise und ihrer sogenannten Wissenschaft austreiben müssen.
Haben wir den Zugang zu den einfachen Regeln verloren, wie in einem Haushalt, der ständig Schulden macht und über seine Verhältnisse lebt?
Sedlácek:
„Wissenschaft ist eine Ideologie…vielleicht sogar eine Religion… sie erlaubt den Staaten, Schulden zu machen… aber das Wunderbare im deutschen Wort Schulden ist: Schulden, Schuld, bedeutet auch Sünde, wie übrigens auch im Griechischen und Aramäischen.“
Er schreibt über die Erbsünde des übermäßigen Konsums. Das Begehren, das die Menschen treibt, antreibt, um die Gier zu befriedigen, die nie zu stillen ist, weil wir von dem, was wir haben, immer noch mehr haben wollen und dazu das, was wir dann noch nicht haben. Unterworfen unter das Motto: „Wir verrichten Arbeiten, die wir hassen, damit wir Dinge kaufen können, die wir nicht brauchen.“
Der Banker und Wirtschaftswissenschafter Sedlácek schreibt, wie wir in dieser Wirtschaftsweise mit der ständigen Gier nach mehr die Seele verlieren, zu Robotern werden, der expandierenden Produktion unterworfen, dem Geld nachjagen und den Dingen mit dem aufgedruckten Preis, und dabei die Werte aus den Augen verlieren.
Sedlácek propagiert die Rückkehr der Seele und der Werte in die Wirtschaftswissenschaft und in die Wirtschaftsweise – und ins Leben. Und stellt die vergessenen Fragen: Wollen wir eine gerechte Wirtschaft? Wollen wir vielleicht eine Wirtschaft, in der die Armen reicher werden? Oder wollen wir eine ständig wachsende Wirtschaft?
„Man muss sich sehr arm, klein und gedemütigt fühlen, wenn man ständig träumt, dass man reicher wird und immer weiter und weiter wächst. Hören wir auf damit und sagen: Es ist genug. Und wir sind jeden Tag im Garten Eden!“
Denn:
„Wir haben, wie die alten Griechen, Wachstum gekauft und dafür Stabilität und Harmonie verkauft.“ Bis hin zum Bankrott, wie nach dem antiken auch das heutige Griechenland zeigt. „Wir müssen aufhören mit dem obsessiven Wachstum.“
„Ein „Schwindel ist, dass wir wachsen müssen…wir vertauschen im Zeitalter der Freiheit ‚Wollen’ mit ‚Müssen’… anstatt zu sagen, ‚wir müssen wachsen’, was wie ein Befehl klingt, sollten wir sagen: ‚wir wollen reicher sein’ – und durch diese andere Formulierung merken wir plötzlich, dass wir nicht reicher sein müssen, sondern andere Dinge tun könnten als ständig zu wachsen… Wohlstand ist nicht die einzige Quelle für menschliches Glück. Wir haben ihn ausgereizt.
Obwohl jetzt schon fast 2 Jahre auf dem Markt, lese ich in dem Buch immer wieder und lass mich ständig neu inspirieren.
Siehe hierzu: Der Mensch wird durch sich getäuscht und aufgeklärt
Ich empfehle dieses spannend zu lesende Werk allen Menschen, die wissen möchten, wie Ökonomie mit Kultur und Religion vernetzt ist.
Verlags-Informationen
Tomas Sedlacek – Die Ökonomie von Gut und Böse
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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Eine Antwort zu „Die Ökonomie von Gut und Böse“

  1. Martin Bartonitz schreibt:

    Ja, wir dürfen auch in unserer Weisheit wachsen.

    Ich las am Wochenende die durchaus vorstellbare Theorie, dass die Atlanter womöglich untergegangen sind, weil sie das Pendel des Geistigen (Bau von Pyramiden durch reine Geisteskraft?) übertrieben haben. Anschließend wäre das Pendel umgeschlagen. Das Geistige ging zusehends verloren, weil man sich immer mehr dem Materiellen zuwandte.

    Sieht so aus, dass das Pendel wir an sein Ende gelangte und es nun wieder zurückschwingen wird …

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