Die tiefe Spaltung in der Islamischen Welt – Teil 2

Von Arnold Hottinger aus “Journal 21″
Die gegenwärtigen Unruhen in der gesamten Islamischen Welt, besonders in jener der Araber, zeigen auf, dass es eine Grundspaltung gibt, die sich heute durch die gesamte Kultur des Islams hindurchzieht.
Die Spaltung ist jene, die wir normalerweise als die der “Islamisten” gegenüber jener der “Säkularisten” bezeichnen. Diese Etiketten passen nicht genau zu den Erscheinungen. Sie können irreleitend verstanden werden. Es handelt sich jedoch um  allgemein verwendete Begriffe, die es zunächst näher zu definieren gilt.
ZWEITER TEIL: GRÜNDE UND URSACHEN DER ISLAMISCHEN SPALTUNG
Die Frage, warum sich diese neue Ausrichtung im Islam entwickelt und weshalb sie immer noch weiter zu wachsen scheint, gewinnt an Bedeutung, wenn man einräumt, dass es sich nicht um eine blosse Randerscheinung handelt. Dies war lange Zeit die Meinung der Beobachter gewesen. Es geht jedoch offenbar um eine Entwicklung, die immer mehr als die zunkunftstächtigste innerhalb des heutigen Islams zu erscheinen beginnt. Woher kommt das?
Der Wert der Zugehörigkeit
Es sind die einfachen Muslime aus den unteren Volksschichten, die sie tragen. Die Ideologen und Führungsfiguren allerdings stammen eher aus den unteren Mittelschichten. Bekehrungserlebnisse liegen oft ihrer Hinwendung zu den islamistischen Gruppen zugrunde. Soziales Engagement gegenüber  armen Mitmuslimen, finanziell und erzieherisch, fördert intern ihren Zusammenhalt und extern ihre Volkstümlichkeit. Identitätsfragen spielen eine bedeutende Rolle. Wer sich ihnen anschliesst, erhält Zugehörigkeit, Aufgaben, Sendungs- und Selbstbewusstsein, sowie die Stützung einer Gemeinschaft, die zu ihm hält.
Kritik an den Islamisten kommt eher verhalten aus muslimischen Kreisen, weil die meisten Muslime, auch wenn sie sich nicht als zu ihnen gehörig empfinden, ihren Willen „gute Muslime“ zu sein, anerkennen, sogar wenn sie ihr politisches Engagement nicht teilen oder missbilligen. Scharf kommt die Kritik von Seiten ihrer „säkularistischen“ Gegner, denen es darum geht, den Staat gegen ihren Herrschaftsanspruch zu verteidigen.
 Zunehmende Konfrontation
Die jüngste Erfahrung mit den arabischen Revolutionen zeigt, dass die Trennungslinie zwischen ihnen und ihren „säkularen“ Kritikern die arabischen Staaten tief spaltet. In Iran hat der Aufstandsversuch der „liberalen Muslime“ gegen die herrschenden schiitischen Islamisten vom Jahr 2009 vergleichbare Trennungslinien aufgezeigt. In Iran wurden diese Linien allerdings durch den Sieg der das Land seit Khomeini beherrschenden Islamisten wieder verwischt, weil ihre Gegner sich seither nur in beschränktem Masse zu äussern vermögen.
Nur in Iran und – eingeschränkt durch die Macht der Herrscherfamilie in Saudi Arabien – befinden sich die Islamisten  zurzeit an der Macht. In Ägypten wurden sie mit Mursi durch die Militärs unter Zustimmung grosser Volksmassen blutig von der Macht vertrieben trotz ihrem nur um ein Jahr zurückliegenden Wahlsieg. In Tunesien scheint heute ihre politische Vormachtposition trotz ihrem Wahlsieg in den ersten echten Wahlen des Landes zumindest gefährdet.
 Ursprung und Macht der Säkularisten
Die Macht der „Säkularisten“ beruht sehr weitgehend darauf, dass sie sich Grundideen angeeignet haben, die nicht aus der islamischen Tradition stammen, sondern aus Europa, später auch aus Amerika, übernommen wurden. Mit den Ideen gingen auch die Beziehungen  zu jenen Ländern einher.
Im islamischen Nahen Osten geht seit rund 200 Jahren ein Prozess voran, den man zuerst „Reform“ nannte, dann  als „Verwestlichung“ ansprach, heute nennt man ihn „Globalisierung“. Er begann bei den Heeren, sie mussten angesichts der europäischen Übermacht, die die muslimischen Staaten bedrängte, „reformiert“ werden. Das hiess, so umgebaut, dass sie den fremden Streitkräften als möglichst gleichwertig, ihnen gewachsen, entgegengestellt werden konnten. In jener Zeit hiess dies Bewaffnung mit Gewehren und mit Kanonen, Uniformen, Disziplinierung bis zum Kadavergehorsam, Exerzieren, um taktische Massenbewegungen auf den Schlachtfeldern zu ermöglichen usw. alles nach europäischem Muster.
Bald schon wurde deutlich, dass die Reform der Armee weiter greifende Reformen in vielen anderen Bereichen des staatlichen und des wirtschaftlichen Lebens erzwang: Dinge wie europäisches Finanz- und Steuerwesen, Bürokratie, europäische Produktionsmethoden, Manufakturen und Industrie, wurden übernommen und eingeführt. Wissenszweige und Bildungsinstitutionen folgten nach von der Volksschule bis zurUniversität, stets nach dem fremden Vorbild. Der Verkehr musste „modernisiert“ werden mit Strassen, Eisenbahnen und später Automobilen.Neue Gesetze wurden notwendig, um die neuen Errungenschaften zu regulieren und zu  fördern. Auch sie lehnte man an an westliche Vorbilder.
Kolonialismus, westliche Vorbilder, Globalisierung
Der Anlehungs- und Übernahmeprozess setzt sich auch heute noch fort. Sehr viele Grundvorstellungen sind mit den materiellen und organisatorischen Übernahmen aus dem Westen in die islamischen Regionen eingedrungen. Begriffe wie „Nation“, „Fortschritt“, „Freiheit“ im politischen Sinne, mit „Parlament“, „Gewaltentrennung“  wurden eingeführt; andere wie „Wissenschaft“, „Jurisprudenz“, „Kunst“, gab es bereits,  doch sie bezeichneten nun bis zur Unkenntlichkeit veränderte  Disziplinen.
Die fast überall folgende koloniale Herschaftsepoche brachte neue Schübe von Angleichungen an europäische Vorbilder mit sich. Die islamischen Völker wurden als „moderne Nationalstaaten“ schlussendlich selbstständig. Doch die notwendige Übernahme von Waffen, Techniken, Produkten, Ideen,  Organisationsformen, aus dem „westlichen“  Ausland dauerte an. Es entstanden Schichten unter den Bürgern der neuen Staaten, die direkt mit den neuen physischen und geistigen Importen und Errungenschaften zu tun hatten. Sie entwickelten ein  geistiges und materielles Leben, das in Verbindung stand mit den neuen Errungenschaften und daher auch mit ihren Ursprungsorten.
Diese Schichten leben heute der Globalisierung zugewandt. Die Sprachen der Ausländer sind wichtig für sie, so sehr dass sie ihre Kinder vorzugshalber in Schulen schicken, die von westlichen Ausländern betrieben werden. Wer es vermag, geht auf eine amerikanische, englische, französische oder deutsche Hochschule. Macht und Einfluss dieser Schichten, ihr Wohlstand, ihre Bedeutung innerhalb ihres Landes und für ihre eigene Gesellschaft, beruhen entscheidend auf ihrem Zugang zu den Errungenschaften der Fremden und auf ihrer Fähigkeit diese im eigenen Land, einzuführen, zu betreiben, zur Blüte  zu bringen.
Die Massen fern der Globalisierung
Doch die Teilnahme an der Globalisierung ist ungleich. Es gibt Volksschichten, die nur am Rande beteiligt sind und im Wesentlichen innerhalb der altherkömmlichen Grenzen und Vorstellungen leben, die ihre kulturelles, materielles und geistiges Erbe bilden. Dies sind hauptsächlich Unterschichten, Leute vom Lande, auch solche, die in die Vorstädte und Elendsquartiere der Städte eingeströmt sind, überwiegend einfache Leute. Auch ihr tägliches Leben ist heute beeinflusst von „Moderne“ und „Globalisierung“. Doch ihre tägliche Lebenswelt hat sich viel weniger von jener entfernt, in der ihre Vorfahren lebten, als dies der Fall ist bei den neuen Ober- und Führungsschichten, die voll an der  Globalisierung beteiligt sind, und  in ihr, mit ihr und von ihr leben.
Erfolg, wirtschaftlich, gesellschaftlich, geistig, ist unter den heutigen Bedingungen stark davon abhängig, dass man bei der Globalisierung mitmachen kann, als Nutzniesser und als Träger. Wer davon ausgeschlossen ist, weil ihm die Bildungsvoraussetzungen dazu fehlen, oder einfach die Kontaktmöglichkeiten dorthin, sieht sich aller Wahrscheinlichkeit nach dazu gezwungen, ein enges Leben mit knappem Auskommen und beschränkten Horizonten zu führen. Dieses Leben der nicht Globalisierten bleibt notgedrungen gezwungen, sich in einem geistig und materiell beständig verarmenden Umfeld zu bewegen. Erfolg, Reichtum in jedem Sinne, Einfluss und Macht fliessen jenen zu, die bei der Globalisierung mitmachen können.
Unterschiedliche Islamverständnisse
Es liegt nahe zu vermuten, dass diese unterschiedliche Lage, – abgekürzt: innerhalb oder ausserhalb des magischen Zirkels der Globalisierung – das Islamverständnis der unterschiedlich Betroffenen beeinflusst. Es bleibt traditionell, so wie es immer war, bei den nicht Globalisierten; es muss sich verändern bei den Globalisierten, wenn ihr Islam weiterhin für sie in ihren neuen Lebensumständen Bedeutung bewahren soll. Das heisst konkret, die früher „verwestlichten“ heute „globalisierten“ Angehörigen der islamischen Völker, in unserm spezifischen Fall der Araber, sind darauf angewiesen, ihren Islam so zu verstehen, dass er in ihrem gegenwärtigen Leben Sinn ergibt. Ihr Islam soll ja,  im Falle von Gläubigen, diesem Leben auch unter den neuen Umständen als eine sinnvolle Richtweisung dienen.
Schon zur Zeit des Kolonialismus entstand aus diesen Gründen von Ägypten bis Indien  ein „modernistisches“ Islamverständnis. Sein berühmtester Theologe war Muhammed Abduh (1849-1905) in Ägypten. In Britisch Indien vertrat Sayd Ahmed Khan (1817-1898), der Gründer der Universität von Aligarh, vergleichbare Positionen. Ihre Theologie fand naturgemäss primär bei den „modern“ ausgerichteten Muslimen Aufnahme. Sie waren gesonnen, die Errungenschaften der Fremden in ihrer eigenen Gesellschaft zum Blühen zu bringen. Von Abduh wird der Ausspruch überliefert: „Ich ging nach dem Westen und fand Islam aber keine Muslime, und ich kam nach dem Osten und fand Muslime aber keinen Islam.“
„Modernismus“ als Verrat?
Die modernistische  Theologie fragt nicht nur nach dem Wortlaut des Gesetzes sondern auch nach seinem Sinn. Sie fordert, dass dieser Sinn unter den heute gegebenen Umständen, die sich von jenen der Zeit des Propheten unterscheiden, bewahrt und gefördert werde. Zum Beispiel: die mehrfache Ehe, wurde mit dem Koran von beliebiger Vielfalt  auf ein Maximum von vier Frauen reduziert. Der Sinn war, Schutz der Frauen und Anerkennung ihrer Rechte, zunächst mindestens in einem ersten Schritt. Heute fordert der gleiche Sinn Einehe entsprechend den sozialen Gegebenheiten der heutigen Welt.
Doch dieser „Modernismus“ hat sich in schon damals nicht überall durchgesetzt. Heute erscheint er den Islamisten als überholt, wenn nicht gar als Verrat an den wahren Traditionen und massgebenden Ursprüngen. Dies  höchstwahrscheinlich, weil eben nur ein relativ kleiner Teil der muslimischen Gesellschaften in die Lage geraten ist, voll in die „Moderne“, heute „Globalisierung“, einzusteigen. Für alle jene, die es nicht konnten oder den Willen verloren haben, es zu versuchen,  gelten die neuen Begriffe, Umstände und Ausblicke, Ideen und Güter, nur sehr beschränkt. Für sie macht es Sinn, sich an einen „nicht modernisierten“ Islam zu halten. Sie sehen ihn, entprechend den Hinweisen der islamistischen und salafistischen Ideologen, die um sie werben, als den  ursprünglichen und reinen Islam, so wie er von Gott dem Propheten offenbart worden ist.
 Ein defensiver  „Islam“ für die „Marginalen“
Sie leben in einer bedrückenden Lage, weil der Erfolg den Anderen zuströmt, jenen, die sich erlauben, den „wahren Islam“ zu verändern, und ihn – nach dem Urteil der Islamisten – zu entstellen suchen. Das Wissen, das die ideologischen Oberhäupter ihren islamistischen und salafistischen Gefolgleuten vermitteln, ist primär das  Wissen darum, dass es einen solchen echten und reinen, „wahren“ Islam gebe, und dass er in den islamischen Grundschriften niedergelegt sei, deren Auslegung und Verständnis von ihnen vermittelt werde. Wenn er peinlich genau gelebt werde, so heisst es weiter, werde eine gerechte Gesellschaft zustande kommen mit einem „guten Leben“ für Alle.
Dieser wahre Islam allerdings, der von den Ideologen gepredigt wird, ist ein enges Konstrukt, in Wirklichkeit weit enfernt von den historischen Gegebenheiten des siebten Jahrhunderts in Mekka, wie es in der Tat nicht zu vermeiden ist.  Dieses Konstrukt beruht auf ausgewählten Versen und Fragmenten der islamischen Grundschriften, Koran und Sunna, ohne Versuch, deren Gesamtheit und Gesamtaussage zu fassen.
Tendenziöse Auswahl
Die Auswahl ist tendenziös, insofern als sie jene Absichten bestärkt, die dem jeweiligen Prediger oder Ideologen  vorschweben. Das muss nicht, kann aber leicht zur Betonung von kämpferischen Aussagen und Anweisungen führen, denen in den Texten selbst auch gegenteilige Hinweise und Weisungen gegenüberstehen. Das kämpferische Element („Jihad“ aufgefasst als der Kleine Jihad oder Kampf gegen die Ungläubigen) findet natürlich da Anklang, wo Wut und Verzweiflung über die eigene Lage überwiegen. Sehr deutlich erscheint dies in den Aussagen des Madrasa-Chefs bei William Dalyrmple, wie oben zitiert.
Die Ideologen bestehen auch auf den identitätsstiftenden Zügen, die dazu dienen können, die eigene Gefolgschaft zusammenzufassen und sie gegenüber der Aussenwelt abzugrenzen. Die überaus scharfe Betonung einer vermeintlich „islamischen“ Behandlung der Frauen, gehört dazu. „Unsere“ Frauen sind „unser“ Symbol für „unseren“ Islam. Gerade weil die Anderen, aus unserer Sicht un-islamischen Mitbürger und Zeitgenossen „ihre“ Frauen gegenteilig behandeln. „Islamische“ Kleidung dient dem gleichen Zweck. Auch die peinlich genaue Befolgung der Rituale und Vorschriften, besonders der Reinlichkeitsvorschriften und auch der sozialen Gebote (Zakat) kann zur Zimentierung einer solchen Eigenidentität dienen..
Die Spaltung verschärft sich
Wenn diese Sicht der Dinge zutrifft, kann sie erklären, warum Islamismus und Salafismus gegenwärtig zunehmen. Die Bruchlinie zwischen den Kreisen, die bei der Globalisierung mitmachen und von ihr profitieren und der grossen Mehrheit, die dies nicht vermag und daher immer mehr in Armut und Enge versinkt, hat sich in den letzten Jahrzehnten vertieft. Die globalisierten Kreise sind mit dem Wirtschaftswachstum Ägyptens gewachsen, das Jahr für Jahr unter Mubarak verzeichnet wurde. Doch das Wachstum beschränkte sich auf die Reichen der „globalisierten“ Kreise.
Die von dieser Entwicklung Ausgeschlossenen – und dies waren die grossen Massen von Abermillionen –  sind durch ihre starke Vermehrung, die Arbeitslosigkeit  und die Steigerung der Preise für Grundnahrungsmittel nicht reicher sondern bedeutend ärmer geworden.
Dies gilt vom materiellen Leben aber auch von Kultur. Die Kultur der Unterschichten verarmt, weil ihre einstigen Oberschichten sich der fremden Kultur zuwenden, die ihnen vom Ausland her, in ihrer primitivsten Spielform übers Fernsehen, vermittelt wird. Wer nicht teilhaben kann, weil ihm die Bildungsvoraussetzungen dazu fehlen (Fremdsprachen sind ein wesentliches Element) bleibt verwaist zurück.
Es sei denn, er findet bei islamistischen oder salafistischen Gruppen stützenden Unterschlupf.
Anführer der „Nicht-Globalisierten“
Die tonangebenden Ideologen, welche den „Nicht-Globalisierten“ ihre islamistische Ideologie vermitteln, gehören nicht notwendigerweise den beschriebenen Unterschichten an. Doch sie stehen ihnen nahe und kennen ihre Lage und Mentalität. Sie glauben an ihre eigene Ideologie, schon weil sie diese ja selbst verkünden und sich nach Kräften für sie einsetzen, aber auch, weil sie ihnen persönliche Erfolge gewährt. Sie werden zu Leitern, Anführern, Chefs. Dies gilt vom erfolgreichen Fernsehprediger, der salafistische Anhänger um sich schart, so gut wie von der Kader-Person der Muslimbruderschaft. Was sie anfänglich in die Reihen ihrer Mitstreiter gebracht hat, sind oft persönliche Erfahrungen und manchmal Erweckungserlebnisse.
Spannungen treiben zum Extremismus
Die extremeren Formen von Hass gegen die als „unislamisch“ eingestuften Aussenseiter, im eigenen Land oder im Ausland, hängen stets mit extremen Spannungen an der „Modernisierungs-„, „Reform-“ und „Globalisierungs-“ Grenze  zusammen, zum Beispiel, wenn diese sich blutig färbt, weil die eine gegen die andere Seite zu Gewaltmassnahmen greift und die andere zurückschlägt.
Diese Grenze zwischen Teilhabenden und Ausgeschlossenen der Globalisierung zieht sich durch die muslimischen Länder selbst, weil ihre heutigen Bewohner sich teilweise „globalisiert“ und teils in einer verarmenden und sich verengenden Eigentradition gefangen finden. Sie bildet die Grenze, an der die Islamisten und Salafisten sich scheiden von den heute oft als „Säkularisten“ beschriebenen Teilhabern, in stärkerem oder geringerem Masse, an der globalisierten Moderne.
Zukunftsaussichten
Was sind die Erfolgsaussichten der beiden Antagonisten?  Man kann festhalten: Die Aussichten für Islamisten und Säkularisten in der Opposition sind gut; doch wenn sie zur Macht kommen, sind sie vor Aufgaben gestellt, denen sie sich schwerlich gewachsen zeigen. Dies gilt wohl auch für die Zukunft, weil der Zusammenprall an der Globalisierungsgrenze, die durch die heutigen islamischen Gesellschaften mitten hindurch verläuft,  an Schärfe noch weiter zunehmen wird. Was dazu führen muss, dass sich mehr und mehr Muslime aus den nicht globalisierten Volksschichten, ein nahezu unerschöpfliches Reservat, der Kampf- und Konfrontationsideologie zuwenden, die von den islamistischen Ideologen  propagiert wird.
Es sind die materiellen und kulturellen Bedingungen, unter denen die Unterschichten zu leben gezwungen sind und die sich verschlechtern, welche die wachsende Schärfe des Zusammenstosses bedingen. Die „kuturellen“ und „identitären“ Mängel und Unsicherheiten, denen sie zunehmend ausgesetzt sind wirken sich ebenso aus wie die wachsende Armut. Es gibt Verarmung in jeder Hinsicht, physisch und geistig. Sie hat in den breiten Unterschichten in dem Masse zugenommen, in dem die Eliten der islamischen Länder sich dem Weltmarkt der Dinge und der Ideen zuwandten. Diese Entwicklung nahm stetig zu seit dem frühen 19. Jahrhundert. Sie hat in der Gegenwart einen Punkt erreicht, an dem dieUnterschichten sich zum ersten Mal zu erheben versuchten, jedoch zunächst allem Anschein nach ohne bleibenden Erfolg.
Natürlich gibt es auch äussere Kräfte, die zu dieser Radikalisierung beitragen. In den Augen vieler Muslime sind sie sogar als die wichtigsten Antriebe des Radikalisierungsprozesses einzustufen. Der „Krieg gegen den Terror“  mit all seinen Folgen, Afghanistan-Krieg, Irak-Krieg, Guatánamo, Drohnenangriffe gegen mehrere muslimische Staaten und dort lebende manchmal gänzlich unschuldige Opfer, Hetzpropaganda gegen „den Islam“ usw. hat zweifellos allen kämpferischen Islamisten Motivierung und immer zunehmenden Nachwuchs beschert.
Selbstverschuldet?
Manchen Amerikanern und Europäern dürfte all dieses Unrecht und Leid als Folge der Untat Osama Bin Ladens erscheinen, also gewissermassen „selbstverschuldet“. Doch den meisten Muslimen, auch jenen, die diese Terrorakte als Verbrechen einstufen, erscheinen sie ihrerseits als eine verständliche Reaktion auf eine Weltlage unter westlicher Hegemonie und daher Verantwortung, durch die ihnen Unrecht geschieht.
Wie immer man seine Motivationen und Ursachen einschätzen mag, dass der „Terrorkrieg“ zum Wachstum der islamistisch motivierten Terror-Tendenzen im islamischen Raum beitrug und weiter beiträgt, sowie zu ihrer weltweiten Ausbreitung, lässt sich nicht abstreiten.
Regierungsmacht bringt Verantwortung
Die Wachstumsvoraussagen gelten, solange die Islamisten und Salafisten als Opposition gegen die herrschenden Zustände ankämpfen. Ihre unbestimmte Verheissung einer heilen Gesellschaft, wenn diese nur „die Sharia“ befolgen wolle, genügt, um immer mehr Menschen zu motivieren, die sich gegen die gegenwärtige Lage aufbäumen. Es gilt: je schlechter desto besser. Je schlechter für die grosse Masse der Muslime, desto besser für die Ideologen der islamistischen und fundamentalistischen Opposition, die zum Aufstand gegen die herrschende Lage aufruft.
Doch dies gilt nicht mehr, sobald die islamistische oder salafistische Führung  selbst Regierungsverantwortung übernehmen muss. Dann muss sie versuchen, sich mit der bestehenden Lage konkret auseinanderzusetzen. Ihre Gefolgschaft erwartet von ihr, dass sie nun „Alles“ rasch in bessere Wege leite, wie sie es ja als Opposition versprochen hatte. Eine solche schlagartige Umstellung ist schlechterdings unmöglich. Es gibt keinen Weg „zurück zum Propheten“, schon darum nicht, weil die islamischen Staaten heute grosse Mengen von Menschen  ernähren müssen.
Das Ägypten der klassischen arabischen Zeit hatte besten falls 5 Millionen Bewohner, doch heute sind es gegen 80 Millionen. Ägypten ist daher das grösste Weizenimportland der Welt geworden. Die Importe, aus fernen Weltteilen, müssen bezahlt werden. Ägypten braucht eine Wirtschaft, die diese Bezahlungen finanzieren kann. So wie sie seit Muhammed Ali und der späteren britischen Zeit eingespielt ist, ist diese Wirtschaft auf Exporte angewiesen, um die Importe zu finanzieren, also schon daher eingebunden in die Weltwirtschaft und ihren Markt. Die Globalisierung ist unverzichtbar geworden. Was natürlich nur ein Strang in einer komplexen Verflechtung ist, die besteht und nicht rückgängig gemacht werden kann.
Der harte Weg der Reformen
Die Lage ist reformierbar, das heisst in zahllosen Einzelheiten zu verbessern, so dass sie effizienter gehandhabt werden kann und  allzu schreiende Ungerechtigkeiten vermieden werden. Doch dies ist politische Detailarbeit und braucht Zeit sowie Umsicht und Zähigkeit, wohl auch schlicht eine gute Portion von Glück.
Schlagartig kann es keine echte Verbesserung geben. Wie weit die  Islamisten über die notwendigen Kapazitäten verfügen, um derartige Aufgaben zu bewältigen, ist sehr ungewiss. In manchen Bereichen werden sie sich mit Fachleuten behelfen müssen, die nicht zu den „Ihrigen“ gehören. Man pflegt sie Technokraten zu nennen. Wie weit ihre Gefolgschaft bereit wären, ihnen die nötige Zeit zu gewähren, ist eine weitere, bange Frage. Geduld ist nicht die Stärke der Verzweifelten, und die Versprechen hatten gelautet, „sofortige, ideale, Verbesserung“.
Machtabsicherung vor Reform
Da wo sie zur Macht gelangen, sind die Islamisten oder Salafisten aus diesen Gründen gezwungen, der Festigung ihrer errungenen Macht Priorität zu gewähren. Sie muss gewährleistet sein, bevor alle Reformen beginnen. Khomeini in Iran war konsequent in diesem Sinne. Er schritt prioritär zur Aufstellung einer eigenen Streitmacht, jener der Revolutionswächter, die seine Herrschaft absicherte. Dann begann er alle Kritiker, die an sein Regime Forderungen stellten oder auch nur Reformvorschlage vorbrachten, mundtot zu machen. Wichtig zu diesem Zweck sind Staatsmonopole für Information in Presse, Radio und Fernsehen, womöglich auch im Internet. Doch auch Rivalen Gruppierungen und einzelne Intellektuelle, die alternative Meinungen oder Projekte vorlegen, müssen gleich- oder ausgeschaltet werden.
Der  Weg der prioritäten Regimesicherung entfaltet dann seine eigene Dynamik. Sicherheit des Regimes wird wichtiger als die ursprünglich verheissenen Reformen. Informationskontrolle und Gedankenpolizei bewirken natürlich nicht nur Sicherheit für die herrschenden Kreise sondern auch Stagnation der Gesellschaft, weil Neuigkeiten, die nicht von der Herrschaftszentrale ausgehen, als gefährlich gelten und daher nicht stattfinden dürfen.
Der iranische „Gottesstaat“
Die Herrschaftszentrale selbst sieht sich bald als die beste aller möglichen Herrschaften an, wer dies leugnet, gehört ins Gefängnis. Unter diesen Umständen hat sich der iranische „Gottesstaat“ unter der Herrschaft der Herrschenden Gottesgelehrten zu einem Gebilde entwickelt, in dem die muslimischen Identitätsmerkmale, welche die Islamsiten pflegen, verhüllte Frauen, Geschlechtertrennung, Alkohlverbot, Verbot von Gesang, besonders durch Frauenstimmen, Verbot von Nacktheit im Sport und anderswo(einschliesslich der Abschaffung von Pissoirs) staatlich erzwungen werden, in dem sich aber in anderer Hinsicht nicht sehr viel geändert hat. Paradiesische Zustände (ausser vielleicht für einige an der Führung mitwirkende Geistliche)treten nicht ein. Teile der Bevölkerung, nämlich jene, die mehr Mitsprache und mehr Teilnahme an der heutigen Umwelt fordern, so wie sie gegenwärtig nun einmal ist, versuchten dagegen zu rebellieren. Doch sie wurden 2009 von den staatlichen Wächtern zurückgeschlagen und warten seither darauf, dass sie neue Gelegenheiten erhalten, um ihre Anliegen zu fördern.
Die engstirnige Herrschaft der Taleban in Afghanistan
Im Falle der afghanischen Taleban, die fast ganz Afghanistan beherrschten, bevor die Amerikaner sie von 2002 an zurückschlugen, ohne sie bisher ganz aus dem Feld zu schlagen, wurde ebenfalls der Absicherung der eigenen Herrschaft absolute Priorität eingeräumt. Ihre Herrschaft zeichnete sich durch eine besondere Enge und Primitivität der angestrebten Ziele und angewandten Methoden aus.
Nicht nur Frauenhaare mussten verhüllt werden, sondern die ganzen Frauen. Mädchen sollten auch keine Schulen besuchen. Für Männer war der Bart obligatorisch.
Die sogenannten Extremstrafen  (Hudud )die der Koran vorschreibt, wurden in rücksichtsloser Art und Weise, demonstrativ, angewandt, ohne sich auch nur um die Nuancen der Sharia für die Anwendung dieser Strafen zu kümmern. In derartigen Äusserlichkeiten erschöpfte sich das Regime der Taleban, sein Sturz nach dem amerikanischen Einmarsch wurde von vielen Afghanen zunächst als eine Befreiung empfunden.
 Der schwierige Weg zur Demokratie
In Tunesien und in Ägypten gewannen die demokratiewilligen Islamisten die ersten Wahlen nach den Revolutionen von 2010 und 2011. Doch es gelang ihnen nicht, die Gesellschaften, über die sie theoretisch die Herrschaft antraten, soweit zu reformieren, dass die Bevölkerung sich weiterhin hinter sie stellte. Grosse Massen von Ägyptern verloren die Geduld mit Mursi und seinem nicht besonders erfolgreichen Regierungsstil. In Tunesien wuchs eine Opposition heran, die den Rücktritt der gewählten Regierung und Neuwahlen forderte. Grosse Teile der Bevölkerung stellten sich hinter die „säkularistische“ Opposition, was in Ägypten die Armee ausnützte, um Mursi und die Seinen zu Fall zu bringen und den Versuch zu unternehmen, sie mit Gewalt auszumerzen.
In Tunesien wurde die an-Nahda-Regierung durch Boykott der regierenden Verfassungsversammlung und beständige Opposition auf den Strassen zu verfrühtem Rücktritt gezwungen.
Gewiss, es gab konkrete Fehlgriffe, die man diesen beiden nachrevolutionären und gewählten Regierungen vorwerfen konnte. Doch eine wirkliche Reform der ihnen kurzfristig unterstellten Gesellschaft und ihres Staates im Sinne der verheissenen vorbildlichen muslimischen Demokratie war in der kurzen Frist ihrer, auch noch eingeschränkten und daher bloss partiellen, Machtausübung unmöglich zu erreichen. Das Gewicht der Globalisierung in ihren Staaten, zur Geltung gebracht von jenen Schichten,  deren Einfluss auf Globalisierung beruht, erwiess sich als übermächtig.
Soziologische, nicht religiöse Grundspaltung
Diese ersten Erfahrungen zeigen auf, was man auch ohne sie zu gewärtigen hatte: Für die Islamisten und Salafisten erweist sich die Praxis der Machtausübung als ungleich schwieriger denn der Erwerb von Anhängern in Zeiten und unter Bedingungen der Opposition.
Mit diesem Grundsatz muss man auch für Zukunft rechnen. Er wird sich so lange als gültig erweisen, wie  die soziologische (nicht wirklich religiöse) Grundspaltung der heutigen Gesellschaften in der arabischen und in der weiteren muslimischen Welt bestehen bleibt oder noch schärfer wird. Sie ist gegeben durch die Globalisierung der Oberschichten und die wirtschaftliche und kulturelle Verarmung und Verwaisung, welche die gleiche Globalisierung den Unterschichten beschert.
Siehe auch: Die tiefe Spaltung in der Islamischen Welt – Teil 1
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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