Die tiefe Spaltung in der Islamischen Welt – Teil 1

Von Arnold Hottinger aus „Journal 21“
Die gegenwärtigen Unruhen in der gesamten Islamischen Welt, besonders in jener der Araber, zeigen auf, dass es eine Grundspaltung gibt, die sich heute durch die gesamte Kultur des Islams hindurchzieht.
Die Spaltung ist jene, die wir normalerweise als die der „Islamisten“ gegenüber jener der „Säkularisten“ bezeichnen. Diese Etiketten passen nicht genau zu den Erscheinungen. Sie können irreleitend verstanden werden. Es handelt sich jedoch um  allgemein verwendete Begriffe, die es zunächst näher zu definieren gilt.
ERSTER TEIL: BESTANDSAUFNAHME
„Islamisten“ nennt man heute jene Gruppen von Muslimen, die von sich selbst erklären, sie strebten einen „Islamischen Staat“ an, den sie als einen Staat definieren, der auf dem Gottesgesetz der Scharia zu beruhen habe. „Säkularisten“ in der muslimischen Welt sind immer auchMuslime, oft gläubige und praktizierende Muslime, jedoch solche, die dafür eintreten, dass Staat und Religion auseianderzuhalten seien. Sie sehen ihre Religion meist als etwas primär Persönliches an. Die Sharia gilt ihnen als Weisung, wie sie sich persönlich zu verhalten haben, nicht notwendigerweise als gesetzliche Grundlage für einen Staat, in dem auch Personen anderer Religion sowie Gruppen von unterschiedlich ausgerichteten Muslimen gemeinsam zu leben haben.
Was ist Islamismus?
Die „Islamisten“ sind erst in den letzten Jahrzehnten als politische Kraft und soziales Phänomen hervorgetreten, obwohl sie auf alte Wurzeln ihrer religiösen und politischen Denkart hinweisen können.
Diese gehen zurück bis auf Ibn Hanbal, den Begründer der jüngsten der vier orthodoxen sunnitischen Rechtsschulen, der von 780 bis 855 nach Christus in Bagdad lebte. Ein Gelehrter seiner theologischen Richtung war Muhammed Abdul Wahhab (1703-1793), der Begründer des in Saudi Arabien herrschenden Religionsverständnisses, das die Zeitgenossen nachihm den „Wahhabismus“ nannten, jedoch seine Schüler und Nachfolger im saudischen Königreich als „Tawhid“, die Lehre von der Einheit Gottes, bezeichnen.
Weithin sichtbar wurden die „Islamisten“ im arabischen Raum nach der Niederlage in Sechstagekrieg gegen Israel (1967).Von jenen Tagen an, begannen  die ausländischen Beobachter von einem „Wiedererstehen des Islams“ zu sprechen, die sie zuerst als „Re-Islamisierung“ der Gesellschaft bezeichneten. Doch diese Bezeichnung stiess auf Widerspruch bei den Muslimen, die zu Recht darauf hinwiesen, dass ihre Gesellschaft nie „ent-islamisiert“ gewesen war.
Eine umstrittene Bezeichnung
Die Beobachter von aussen, oft akademische „Orientalisten“, wichen dann aus auf die Bezeichnung „islamischer Fundamentalismus“, weil die neue Bewegung einen Akzent auf die „Grundlagen“ und „Grundschriften“ des Glaubens zulegen schien und darauf bestand, diese seien möglichst wortwörtlich, ohne Interpretation oder mit einem Minimum solcher, aufzufassen und anzuwenden. Vergleichbar mit ähnlichen Tendenzen aus der christlichen, besonders der protestantischen, Theologie im europäischen und amerikanischen Raum, die man schon früher „fundamentalistisch“ genannt hatte.
Dieser Begriff fand eine arabische Entsprechung in dem neu geprägten Ausdruck „Usuliya“, abgeleitet von „Usul“ (Wurzeln,Grundlagen). Doch auch er stiess auf Ablehnung bei den Muslimen, die er bezeichnen sollte, und ein weiteres Wort wurde geprägt, um dem Phänomen einen Namen zu geben, eben „Islamismus“ (arabisch in Anlehnung:“Islamiya“). Auch dies wurde zu einem umstrittenen Ausdruck. Verständlicherweise; denn  jene Personen und Gruppen, die von aussen her, sei es von Kritikern, sei es von  „neutralen“ Beobachtern, als „Islamisten“ bezeichnet werden, sehen sich selbst als die wahren und echten Muslime, und sie ziehen es deshalb vor, einfach als Muslime, oder vielleicht als gute oder ernsthafte Muslime, wenn nicht gar als die wahren Muslime,  gesehen und  bezeichnet zu werden.
Die Beobachter, Kritiker und Polemisten von aussen, gebrauchen heute angesichts dieser Diskussionen noch weitere Ausdrücke wie: „radikale Muslime“, oder „extremistische“. Dies half jedoch mit, die Begriffe noch weiter zu zerdehnen und zu emotionalisieren. Sie  werden so leicht zu Instrumenten der Polemik und Hassverbreitung.
Faute de mieux verwende ich hier „Islamismus“, um die Tendenz im Islam zu fassen, die im Folgenden näher umschrieben sein soll.
Präsenz und Ausbreitung des Islamismus
Die neue Tendenz wurde zunächst als eine Randerscheinung im weiten Feld des Islams gesehen und angesprochen. Sie war es auch, weil sie etwas Neuartiges bildete, das zunächst im weiten Meer des „normalen“ oder traditionellen Islams zu schwimmen schien. Wie es in jener frühen Zeit nach dem Sechstagekrieg ein islamischer Freund schilderte: der Islam ist ein weiter Strom. Auf ihm schwimmt eine Barke, dies sind die „Islamisten“; und in der Barke gibt es ein paar Personen, die sich besonders erregt und manchmal gewalttätig zeigen, die nenne ich die „radikalen“ oder extremistischen Islamisten.
Doch heute muss man sich fragen: handelt es sich wirklich um eine „Randerscheinung“? Ist nicht offensichtlich, dass sozial gesehen, gemessen an seinem wachsenden Einfluss, seiner zunehmenden Ausbreitung, seiner aktiven und hyperaktiven Präsenz, dieser Islamismus mehr ist als ein Randphänomen? Er scheint zunehmend einen zentralen Platz im Islam einzunehmen. Stellt er möglicherweise die Zukunft des Islams dar?  Ist dies Religionsform und Religionsverständnis, auf welche hin sich die islamischen Gesellschaften, über alle geographischen und politischen Grenzen hinweg, zu entwickeln scheinen?
Wahlen in Ägypten und Tunesien als Indizien
Die arabischen Revolutionen haben praktisch zum ersten Mal zugelassen, dass „der Islam“ in seinen islamistischen Spielarten, durch  unverfälschte Abstimmungen mengenmässig gemessen werden konnte. Die Wahlen führten zunächst zu islamistischen Wahlsiegen in den beiden Ländern, in denen frei abgestimmt wurde: Ägypten und Tunesien. Gewiss, dabei spielten auch nicht religiöse Beweggründe eine Rolle, vor allem der negative, dass den Wählern keine glaubwürdige und attraktive, einigermassen politisch organisierte, Alternative vorgelegt werden konnte. Die nicht-islamistischen sogenannten Parteien waren unorganisiert, zersplittert und zerstritten.
Aus Gründen dieser Art kann das Wahlresultat der Islamisten in den ersten demokratischen Wahlen als überhöht gelten. In Ägypten betrug es, Brüder und Salafisten zusammen, beinahe 60 Prozent; in Tunesien, wo die Salafisten nicht zu den Wahlen zugelassen wurden, für an-Nahda alleine, gegen 40. Falls es in beiden Ländern noch einmal zu echten Wahlen kommen sollte (zur Zeit in Ägypten fraglich, in Tunesien unsicher), werden geringere Zahlen erwartet. Dennoch wurde klar, die Islamisten sind da, politisch und gesellschaftlich gesehen, schwerlich mehr eine Randerscheinung, eher eine schon heute zentrale und wahrscheinlich immernoch wachsende Kraft.
 Überall wachsend
Auch wo bloss demonstriert aber nicht gewählt werden konnte: in Jemen, Libyen, Syrien, zeigten sie sich ebenfalls als eine Kraft von Gewicht. Auch in jenen Staaten, in denen die Volksbewegung der Revolution sich nur zaghaft oder garnicht äusserte, etwa Marokko, Jordanien, Algerien, Sudan, sind sie als Oppositionskräfte von Bedeutung, heute die wichtigsten aller Oppositionen, die der Staat einzubinden versucht. Vergleichbares gilt von dem gewaltigen weiteren islamischen Raum von Nigeria bis nach Indonesien.
Saudi Arabien ist ein Kapitel für sich, weil dort eine salafistische (Erklärung des Begriffes weiter unten) Variante des Islamismus als Staatsreligion dient und staatlich gefördert wird; gefördert auch weit über Saudi Arabien hinaus mit saudischen Geldern…
 „Ein muslimischer Staat“
Alle Islamisten haben gemeinsam, dass sie einen „Sharia-Staat“ fordern und auf ihn hinarbeiten. Ob sie dies mit gewaltlosen oder auch, wenn es ihnen als notwendig gilt, mit Gewaltmitteln tun, ist einer der wesentlichen Unterschiede, an denen sich ihre Gruppen und Ausrichtungen trennen.
Darüber, was ein Sharia-Staat sei, glauben sie Bescheid zu wissen: „ein Staat, in dem die Sharia das Gesetz des Staates bildet“, sagen sie. Doch darüber, was die Shari’a genau sei,  herrscht Unwissenheit oder Unklarheit. Es ist leicht zu sagen, was sie nicht ist: sie ist kein Gesetzeskodex. Sie ist vielmehr eine ganze Gesetzeswelt, mit  – alleine im heutigen Sunnismus – vier sich gegenseitig als orthdox anerkennenden Rechtsschulen, die  unterschiedliche Varianten von gesetzlichen und rituellen Regeln kennen. Diese Gesetzeswelt, vergleichbar mit Begriffen wie „römisches Recht“ , „germanisches Recht“, „Kirchenrecht“, „Common law“ oder „Civil law“, blickt auf ein gutes Jahrtausend Rechtsentwicklung zurück.
Unübersichtliche Quellen für die Sharia
Wichtig ist auch festzuhalten: die Sharia hat nie als alleine geltendes Recht gedient, weil neben ihr in der klassischen islamischen Zeit und bis ins 19. Jahrhundert hinein, stets auch Herrscherrecht bestand und angewandt wurde. Die Sharia war auch nicht das Recht, das zur Zeit des Propheten galt, wie oft behauptet wird, denn dieses Recht wurde erst einige Jahrhunderte nach der ersten Ausbreitung des Islams schrittweise entwickelt.
Soweit im Koran, der eine prophetische Schrift ist, kein Rechtsbuch, Rechtsvorschriften gefunden werden, wurden diese in die Sharia eingebaut. Doch man sah sich gezwungen auf andere Rechtsquellen zurückzugreifen, um den ganzen Bereich menschlicher Tätigkeit zu erfassen. Die zweitwichtigste dieser Rechtsquellen, nach dem Koran, sind  die Überlieferungen vom Tun und Lassen, Sagen und Bestimmen des Propheten („Hadith“ genannt). Diese sind in gewaltigen „kanonischen“ Sammlungen zusammengefasst. Die Hadith Gelehrten versuchen, die wahren (Fachwort „sahih“=gesund) von den gefälschten oder als solche verdächtigen („daif“= krank,scwach) zu trennen. Die Zahl dieser Überlieferungen geht in die Zehntausenden und darüber.
Neben den heute noch gültigen gibt es historische Rechtsschulen, die als „erloschen“ gelten, jedoch gelegentlich in Einzelmeinungen wieder belebt werden. Dazu kommen die Rechtsgutachten heutiger Gelehrter, die ihre Gültigkeit verlieren, wenn der betreffende stirbt, es sei denn einer ihrer Schüler belebt diese Gutachten neu (Fatwa). Das Ganze ist ein dermassen komplexes Gebäude, dass viele unterschiedliche, manchmal sogar kontradiktorische  Meinungen unter Berufung auf die Shari’a vertreten werden können.
„Einzig auf der Sharia“
Eine der Verfassungen Ägyptens, die unter Mubarak erlassen wurden, erklärt in ihrer Präambel, die Gesetzgebung Ägyptens beruhe „einzig auf der Sharia“, doch dies änderte nichts an der bestehenden
Gesetzgebung des Landes, die nicht auf der Sharia beruht sondern auf einem anglo-ägyptischen Recht französischer und englischer Wurzel. Die Forderung „einzig auf der Sharia“ war erfüllbar, weil sich die bestehenden Gesetze des Landes auch mit  irgendwelchen der weit verzweigten Sharia-Vorschriften und Auslegungen begründen liessen.
Dazu müssen allerdings manchmal verzwickte Interpretationen entwickelt werden.
In den wenigen Fällen, in denen „Islamisten“ die Macht ergriffen und ausgeübt haben, die Taleban in Afghanistan beispielshalber und im Schiismus die schiitischen Gottesgelehrten unter Khomeini, lief die
praktische Anwendung der Sharia darauf hinaus, dass die Meinungen von Gottesgelehrten befolgt werden mussten, die den Machthabern genehm waren, oder sich  mit ihren Ansichten deckten.
 Ein Instrument zur Motivation
Doch in all den Fällen, in denen die Islamisten keine Regierungsverantwortung ausüben sondern eine Opposition bilden, ist der Ruf nach Sharia ein wichtiger Hebel, um die heutigen muslimischen Bevölkerungen in Bewegung zu setzen. Das „Gottesrecht“ ist für die Bevölkerung ein positiver Begriff. Dass es, wenn es nur  wirklich eingeführt und durchgesetzt würde, den gottgewollten Idealstaat auf Erden verwirklichen werde, ist eine naheliegende Vorstellung. Sie erscheint glaubwürdig, ohne dass sie praktisch erprobt werden müsste, weil es sich ja um einen religiösen Begriff handelt, also um eine Sache des Glaubens. Solange ihre Befürworter sich in der Opposition befinden und keine Regierungsverantwortung tragen, geht dies auch auf.
Bart und Verhüllung als Kennzeichen
Solange sie den Sharia Staat nur herbeiwünschen und für seine Einführung kämpfen, suchen die Islamisten ihre Identität als Befürworter des Sharia Staates zu betonen, indem sie sich „islamisch“ kleiden. Der Bart ist dabei das Kennzeichen der Männer, die Verhüllung des Haupthaares jenes der Frauen. Weitere als „islamisch“ geltende Kleiungsstücke können dazu kommen. Die Verhüllung der Frauen, mehr als die äusseren Islammerkmale bei Männern, bildet ein als grundlegend empfundenes Signal der islamistischen Identität. Aus diesem Grund kann man aus der Zunahme der Zahl von Kopftuch oder andere Verhüllungen tragenden Frauen in den muslimischen Städten die wachsende Ausbreitung islamistischer Lehren und Vorstellungen ermessen.
Begründet wird das Verhüllungsgebot mit bestimmten koranischen Textstellen, die den Vorstellungen der Islamisten gemäss aufgefasst und interpretiert werden. Die Verhüllung geht jedoch ohne Zweifel auf vorislmaische Zeiten zurück. Sie gründet sich auf patriarchalische Ordnungsvorstellungen, die viel älter sind als der Islam und später in ihn eingebaut wurden.
Bekennertum als Stütze der Identität
Dass grosser Wert auf bestimmte Aussenaspekte des Islams gelegt wird, ist bezeichnend  für das Islamverständnis der Islamisten – etwa die strenge Trennung der beiden Geschlechter mit ihren getrennten Lebensbereichen, aber auch die besonders genaue Einhaltung der islamischen Reinheitsvorschriften, weit über das bloss Rituelle hinaus, und allgemeiner die genaue Erfüllung von Regeln und Vorschriften, ohne zu fragen: „in welchem Geist?“, „wozu?“ und „warum überhaupt?“
Das Gefühl von Auserwähltheit, Sendung, zu islamistischen Zwecken bewirkt, dass sich Innengruppen bilden, die sich von solchen anderer Art, Aussengruppen, unterscheiden und sich von ihnen abzuheben bemüht sind. Dies führt dazu, dass Aussengruppen, die „Anderen“, als fremd, feindlich, unislamisch gesehen werden, sogar wenn es sich um Muslimehandelt.
Den Islamisten wird „takfir“ nachgesagt, das heisst, dass sie Andere, die nicht zu ihnen gehören und  nicht ihre Islamvorstellungen teilen, leicht zu „Ungläubigen erklären“, was mit dem Begriff „takfir“ gemeint ist.. Angehörige anderer Religionen, sogar wenn es sich um andere Buch- und Offenbarungsreligionen handelt (Christen, Juden) , die nach der Sharia  zu schonen wären, sich aber allerdings den Muslimen unterzuordnen hätten, werden oft  angegriffen, weil sie als Steine des Anstosses gelten. Die „Anderen“ der Aussengruppen werden leicht als eine Herausforderung für die eigene Innengruppe angesehen und behandelt, die es abzuwehren und niederzuhalten gilt, wenn man sie nicht zu bekehren vermag.
Abwehr des „Anderen“
Die Grundhaltung aller Islamisten ist defensiv in dem Sinne, dass sie sich als angegriffen und gefährdet ansehen, sich und ihren Islam, und dass es gilt, sich zur Wehr zu setzen. Defensive kann allerdings immer und überall zur Offensive werden, weil  Offensiven fast immer  als eine Reaktion auf empfundene oder echte Angriffe gerechtfertigt werden. Offensives Verhalten lässt sich damit sogar als von aussen „erzwungen“ verteidigen.  Alle Innengruppen kennen Aussengruppen, die sie als bedrohlich empfinden und daher abwehren wollen.
Neuerdings haben Schiiten und Sunniten, die durch die letzten Jahrhunderte hindurch meist friedlich zusammenlebten, einander als feindlich und bedrohlich eingestuft. Sie führen heute einen „Religionskrieg“ gegeneinander bis weit hinüber nach den asiatischen Bereichen des Islams, Pakistan, Indien, Afghanistan. Die saudischen Islamisten haben ihn ausgelöst und verbreitet. Sie fühlten sich „angegriffen“ durch den Machtwechsel im Irak, der mit der USA-Invasion die dortigen Schiiten zur Macht brachte und die Sunniten, die das Landseit osmanischen und später englischen Zeiten regierten, von der Macht entfernte. Dies schien den Saudis bedrohlich, weil sie die schiitische Grossmacht, Iran, als Drahtzieher hinter den irakischen Schiiten einstufen. Dieser „Krieg“ hat Auswirkungen bis nach Bahrain, Jemen, Syrien und Libanon hin.
Auch die Unterschiede zwischen Muslimbrüdern und Salafisten haben inden letzten Jahren zu scharfen Gegensätzen geführt. Solche Gegensätze durch Ausgrenzungen anderer, „fremder“ Islamverständnisse sind unvermeidlich, sobald  sich Inngruppen bilden, die darauf bestehen,dass sie allein den Islam korrekt und zutreffend verstünden.
Salafisten – gegen „Demokratie“
Die Salafisten streben einen Sharia-Staat an, wie die Muslimbrüder. Deshalb kann man beide Gruppen als Islamisten einstufen. Doch die Salafisten halten dafür, dass ein solcher Sharia Staat mit einer demokratischen Regierungsform unvereinbar sei. Es gab keine parlamentarische Demokratie zur Zeit des Propheten. Diese Zeit gilt als das Vorbild, dem man nachleben soll. „Salaf“ bedeutet „Nachfolge“ und meint die Nachfolge des Propheten und der von ihm gegründeten  vorbildlichen weil gottgewollten und gottgeleiteten Gesellschaft. Sie soll heute wieder verwirklicht werden.
Demokratie ist etwas das nicht dazu gehört. Es kommt von fremden Kulturen. Die Gegner einer islamischen Demokratie gebrauchen die Formel, „im Islam ist Gott der Gesetzgeber, nicht die Menschen!“ um sie zurückzuweisen.
Muslimbrüder – für „islamische Demokratie“
Die Muslimbrüder, wenigstens in ihrer heutigen Generation, früher mag dies anders gewesen sein, halten dafür, dass eine islamische Demokratie möglich, ja in der heutigen Zeit notwendig sei. Dies ist ebenfalls die Ansicht der tunesischen an-Nahda Partei, die von Rashid Ghannoushi geleitet wird. Manche der Brüder deuten dabei auf die Türkei, wo unter Erdogan eine Kombination von Islam und Demokratie verwirklicht wurde und sogar zu einem wirtschaftlichen Aufschwung geführt hat.
Natürlich gibt es über dieses und verwandte Themen innere Diskussionensowohl unter den Muslimbrüdern wie auch unter den Salafisten. Diesebilden keine gleich straffe und disziplinierte Organisation mit Kadern und Zellen wie die Brüder. Oft handelt es sich bei ihnen einfach um Gruppen, die sich um beliebte Prediger scharen.
Die Doktrin der Saudis und die Muslimbrüder
In Saudi Arabien ist ihre Lehre Staatsdoktrin. Die Behauptung, Islam lasse sich mit Demokratie kombinieren, ist den saudischen Herrschern besonders suspekt, weil die Saudi-Herrscher den Islam, so wie sie ihn verstehen, das heisst in seiner salafistischen Variante, als Rechtfertigung ihrer absoluten Herrschaft gebrauchen. Die Muslime, so erklären sie, brauchten eine gottesfürchtige und von Gott eingesetzte Obrigkeit. Das Königreich kennt keine Verfassung, der Koran sei seine Verfassung, erklären die saudischen Herrscher und ihre Gefolgsleute.
Wenn die Muslime des Königreiches sich dem Gedanken öffnen, ihr Islam sei mit einer Volksherrschaft vereinbar, fällt die Legitimitätsgrundlage der Dynastie in sich zusammen. Aus diesem Grund  misstrauen die saudischen Machthaber den heutigen Muslimbrüdern.
Zu der  Zeit, als diese von Nasser verfolgt wurden, halfen sie ihnen. Doch heute predigen sie einen nach ihren Versicherungen ebenfalls „islamischen“ Weg, der den Zielvorstellungen und Legitimitätsgrundlagen der Dynastie zuwider läuft. Die Herrscher sehen die Brüder deshalb als „Verräter“ an. Sie beissen die Hand, die ihnen Wohltaten erwies.
Der Gegenpol – Mystik
Den Gegenpol zu den Islamisten und zu den Salafisten im Islam geben die Sufis ab. Dies sind Mystiker, Leute der nach innen gerichteten Gottessuche. Ihre Ziele greifen weit über den Weg Gesetzeserfüllung hinaus. Es geht ihnen um ein direktes, individuelles Verhältnis zur Gottheit. Viele von ihnen wissen, dass es viele Wege zu diesem Ziel hin gibt, auch solche, die  Angehörige anderer Religionen begehen.
Ihre Grundhaltung ist umfassend statt defensiv. Mystische Züge hat der Islam bis in das letzte Jahrhundert hinein getragen. Im Vorletzten und einige Jahrhunderte zuvor, ungefähr seit der Zeit der Mongoleninvasion, waren diese Ausrichtungen und das mit ihnen verbundene Islamverständnis führend.
Die „sufi“ Aufassung des Islams ist vieler Hinsicht ist es dem  Islamismus genau entgegengesetzt. Einige der Charakteristiken des Sufi-Islams sind so weit von den Grundsätzen der heutigen Islamisten und Salafisten entfernt, dass diese die Sufi oft als „Ungläubige“ ablehnen und verfolgen.  Wo Islamisten zur Macht gelangen, zerstören sie die Grabstätten von Sufi-Heiligen, wie kürzlich in Timbuktu, weil sie in der Verehrung die verstorbenen Sufi-Meistern oftmals als Heiligen entgegengebracht werden,  einen Heiligenkult wittern, der  von der alleinigen Verehrung des einen und alleinigen Gottes sträflich ablenke.
Den Saudis sind aus diesem Grunde alle Grabstätten, auch solche von gewöhnlichen Menschen, verdächtig. Nach ihrer Lehre sind die Gläubigen anonym mit einem blossen Stein als Merkmal des Grabes, ohne Inschriften, zu beerdigen, um einer jeden Verehrung von Toten vorzubeugen. Gedichte, Tanz und Musik gehören zu den  Mitteln durch welche manche der Sufis versuchen, ihrem Ziel, der Vereinigung mit Gott, näher zu kommen. Den Salafisten und Brüdern sind Tanz und Musik zutiefst zuwider. Ihnen gelten sie als sündhaft. Wer sie trotz ihrem Verbot betreibt, wird bestraft.
Konkrete Anschauung dank William Dalrymple
Die Gegensätze, die zwischen den beiden Islamauffassungen bestehen, beschreibt packend der genaue Beobachter der indischen Religionen, William Dalrymple, in einem Essay, den er „The Red Fairy“ nennt. Er beschreibt den Besuch bei einer Mystikerin in der pakistanischen Sind-Provinz nah an der indischen Grenze, sowie dann anschliessend in einer der Madrasas, wo die jungen Fundamentalisten heranwachsen. Die Sympathien des Autors liegen ganz bei der Mystikerin, doch er erkennt auch, dass den Madrasas der Wind in den Segeln steht. Der Leiter der von ihm besuchten versichert, die seine sei eine der 5000 Madrasas in Pakistan, die seine Organisation aufrecht erhalte. In Sind alleine würden gegenwärtig (2009) 1 500 neue eröffnet. „Ich bin voller Hoffnung,“ versichert er dem Besucher. „Sehen Sie nur, was in Bhit Shah (dem Hauptflecken in der Nähe) geschah. Wir haben dort eine grosse Madrasa und sieben Moscheen, alle der Kontrolle der Deobandis“ (diese theologische Schule fördert die streng „fundamentalistische“ Richtung auf dem indischen Subkontinent . „Anfänglich hingen die Leute dem Götzenglauben an (shirk). Doch allmählich kamen die Kinder nach Hause zurück und erzogen die Eltern. Heute wächst unsere Kraft jeden Tag.“
Der Besucher verabschiedet sich. „Merken Sie sich meine Worte“, gibt ihm der Madrasa-Leiter mit auf den Weg. „Eine noch radikalere Art von Taleban wird in Pakistan aufstehen. Gewiss, es gibt viele Hindernisse. Doch die Lebensbedingungen in dem Land sind so schlecht. Das Volk ist so verzweifelt. Sie haben genug von Zerfall und Korruption. Sie begehren eine grundlgende Veränderung – die Rückkehr zum Kalifat.“
„Und was ist Ihre Rolle dabei? „, fragt ihn der Verfasser. – „Die Regierung leistet die Hauptarbeit zusammen mit den Geheimdiensten. Was immer den Amerikanern gesagt wird, wir wissen, die beiden stehen auf unserer Seite. – Unsere Rolle? Sie ist es, dem Volk beizubringen, dass einzig unser islamisches System die Gerechtigkeit bringen kann, die sie suchen. Wir sind die Einzigen, die den Armen eine Erziehung verschaffen. Wir vermitteln das Wissen, das die islamischen Gruppen verwenden, um dieses Land für immer zu verändern.“
(Übersetzt aus : William Dalrymple: Nine Lives, In Search of the Sacred in Modern India, Bloomsbury, London 2010;  part 5. The Red Fairy p. 139 f.)
Siehe auch: Die tiefe Spaltung in der Islamischen Welt – Teil 2
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