Konzept einer neuen Ethik

von Friedrich Seibold aus „Marburger Forum“
Es ist schwer zu begreifen, wie auf der Suche nach einer Grundlegung der Ethik ein so umfangreiches Schrifttum entstehen konnte, ohne dass ein konsensfähiges Ergebnis vorliegt. Trotz all der Bemühungen in- und außerhalb der Universitäten fehlt es noch immer an einem tragfähigen Fundament, sind Ethikgrundlagen ein anscheinend endloses Thema, ja ist Ethik in Schulen gar zum gefürchteten „Laberthema“ geworden. In der Ethik berührt es besonders schmerzlich, dass die institutionelle Philosophie darin im wesentlichen nicht über das Ventilieren von Theorien und abstrakten Begriffen hinauskommt, zumal die Ethik nicht die theoretische, sondern die praktische Philosophie betrifft, wo vor allem Verhaltensanweisungen gefragt sind. Das ist um so unverständlicher, als der Urgrund für eine Unethik leicht zu finden ist und demzufolge sich daraus umgekehrt eine Ethik ganz von selbst ergibt.
Zunächst gilt es zu unterscheiden zwischen Ethik und Moral, weil beide Begriffe in der Umgangssprache regelmäßig durcheinandergehen bzw. oft synonym gebraucht werden.
(Real-)Definitionen
Die Ethik ist eine Wertlehre, der die moralischen Normen (Verhaltensvorschriften), die sich aus der Wertlehre ergeben, in einzelnen Lebensbereichen gerecht werden sollen. Die Moral ist somit die Gesamtheit der von ihr durch die Verhaltensnormen vorgeschriebenen Handlungsformen. Damit ist die Ethik, insbesondere die Metaethik, die wissenschaftliche Theorie der Moral, wogegen in letzterer die zu befolgenden Verhaltensnormen aufgestellt werden. Deshalb ist die Moral praktizierte Ethik. Das Steuerbezahlen, um ein aktuelles Beispiel zu wählen, ist im Grunde keine Sache der Ethik, sondern eine der Moral, wie es überhaupt, ebenfalls an diesem Beispiel festgemacht, gemäß der obigen Definitionen keine „Wirtschaftsethik“, sondern nur eine Wirtschaftsmoral gibt. So genannte Bereichsethiken könnten dem Wort nach allenfalls sinnvoll sein, wenn in bestimmten Lebensbereichen spezielle Werte gelten.
Als Wertlehre benennt die Ethik wünschenswerte Güter ideeller und materieller Art, wie vor allem Gesundheit und Glück, die daher die bevorzugten Wünsche der Menschen füreinander sind. Allen ist gemeinsam, dass sie die Befindlichkeit des Bewußtseins positiv beeinflussen. Mit seiner Wert-Definition bringt W. Deppert das Ziel der Ethik, d.h. letztlich die Existenzerhaltung zum Ausdruck; zitiert nach Wikipedia, Stichwort „Wert“: „In der substanziellen Verwendung ist ein Wert [Wert an sich] etwas, von dem behauptet wird, dass es in bestimmter Weise und in einem bestimmten Grad zur äußeren oder inneren Existenzerhaltung eines Lebewesens beiträgt, wobei unter Lebewesen ganz allgemein ein System mit einem Überlebensproblem zu verstehen ist.“ ‚Wert‘ ist also alles, was für die physische und psychische Integrität eines Lebewesens wichtig ist. Das Wichtigste dafür ist ohne Zweifel, dass es nicht leidet. Daher will kein Lebewesen, es sei denn masochistisch, leiden, was sein Flucht- und Vermeidungsverhalten angesichts von erkannten Bedrohungen zeigt. Also wird eine Ethik sinnvollerweise die Leidlosigkeit von Lebewesen bzw. Individuen als obersten Wert aufzustellen haben.
Die Leidlosigkeit ist sogar ein höherer Wert als das Leben selbst, indem ein schwer leidender Mensch, wenn ihm nicht anders zu helfen ist, früher oder später sein Leben zu beenden sucht, weshalb es ein moralisch wertvolles Verhalten ist, ihm dann dabei zu helfen. Die Leidlosigkeit ist der einzige Wert, der in seiner Umkehrung und dem dann beobachtbaren Verhalten aller leidensfähigen Lebewesen durch ihr Flucht- bzw. Vermeidungsverhalten empirisch eindeutig nachweisbar ist. Die Verkehrung in das Gegenteil aller anderen möglichen ethischen Werte verblaßt im Bewußtsein gegen schweres Leiden. Ob Gesundheit, Glück, Liebe, Reichtum oder das Gute, Schöne, Wahre, sie werden in ihrem Gegenteil häufig noch nicht einmal gemieden. Mit den Unwerten Krankheit, Unglück, Haß, Armut oder dem Bösen, Häßlichen und Unwahren, der Lüge, leben Menschen oft recht ungestört. Alleine die Verletzung der Menschenrechte, die auch einen hohen Wert darstellen, kann zu heftigen negativen Bewußtseinsreaktionen und damit je nach Art der Rechtsverletzung zu schwerem Leiden führen. Die Menschenrechte sind somit als Wert in dem für alle (leidensfähigen) Lebewesen geltenden Wert der Leidlosigkeit enthalten. Als Wert gilt ferner die Integrität, und hier nicht nur von lebenden, sondern auch von nicht-lebenden „Systemen“ (vgl. die zitierte Eingangsdefinition) wie die nicht belebte Natur, sofern durch ihre Beschädigung leidensrelevante Konsequenzen für Individuen entstehen. Das Leiden ist folglich der Unwert schlechthin und wäre so der Urgrund für eine Unethik.
Als nur im Bewußtsein erlebt, sind alle ethischen Werte natürlich subjektiver Natur. Es gibt keine objektiven ethischen Werte, wie es überhaupt keine objektiven Werte geben kann, indem ‚objektiv‘ subjektiv gedacht wird und deshalb notwendig zu einem subjektiven Objektiven, also einem Widerspruch in sich führt. Um etwas als objektiv zu denken, müßte erst einmal die Bedeutung ‚objektiv‘ widerspruchsfrei denkbar sein.
Der Grundsatz für moralisches Verhalten
Gemäß dem genannten obersten ethischen Wert der Leidlosigkeit hat der oberste, mithin auch sinnvollste moralische Grundsatz, folglich zu lauten: Leiden vermeiden. Nichts ist einem Individuum wichtiger als nicht zu leiden. Kein anderes Gut kann einen gleich hohen Wert einnehmen, nicht zuletzt weil der stets mögliche Verlust eines anderen hohen Wertes nur wiederum Leiden verursachen kann. dass die Vermeidung von Leiden, dieses negativsten Bewußtseinszustands, oberstes Gebot ist, kann vernünftigerweise auch deshalb nicht bezweifelt werden, weil alles, was ein Individuum nicht besitzt, nebensächlich ist, solange es wegen des fehlenden Bedürfnisses danach kein Leiden hervorruft.
Die Maxime „Leiden vermeiden“ ist natürlich nicht absolut zu verstehen, sie beinhaltet das Gebot der Minimierung von Leiden und widerspricht nicht der Höherbewertung der eigenen Leidlosigkeit, z.B. in der Selbstverteidigung. Sie gilt ebenso in der Abwägung zweier nur entweder-oder vermeidbarer Leiden. Die Wahl des kleineren Übels ist dann ein relatives Leiden-vermeiden. Das Prinzip der relativen Leidensvermeidung kann nicht weniger gegen Rechtsbrecher angewandt werden. Bei der Unterbindung gesellschaftlich unerwünschter Verhaltensweisen ist vom Grundgedanken des Strafrechts zum Umerziehungsrecht des Staates überzugehen. In diesem Sinn ist vor allem staatlicherseits negativen Erziehungseinflüssen entgegenzusteuern und positiven Umwelteinflüssen in der Erziehung die größte Aufmerksamkeit zu widmen, um einem Leiden von möglichen Opfern wie auch von umzuerziehenden Delinquenten vorzubeugen. Insgesamt bedeutet das natürlich einen langwierigen Prozeß, denn verkürzt ausgedrückt: Wer erzieht die Erzieher? Im Fall der Delinquenten sollte mögliches Leiden nur durch psychisches Training entstehen, d.h. dabei unvermeidbares Leiden muß der Besserung des Rechtsbrechers und damit der Vorbeugung weiteren Leidens von Opfern bzw. Geschädigten dienen.
Im Sinn gesellschaftlich erwünschter Verhaltensweisen wird das friedliche Zusammenwirken von Individuen, zweifelsohne ebenfalls ein hoher ethischer Wert, durch die Maxime „Leiden vermeiden“ indirekt erreicht. Durch ihre strikte Befolgung entsteht zwangsläufig ein konstruktives soziales Miteinander, das seinerseits das effektive Umsetzen der Maxime fördert. Generell ist aus ethisch-moralischem Aspekt das Leben, das nichts weiter ist als ein fortwährendes Befriedigen von Bedürfnissen, so zu gestalten, dass die Bedürfnisbefriedigung aller Individuen gegenseitig möglichst wenig beeinträchtigt und somit ein dabei nicht vermeidbares Maß an Leiden gering gehalten wird. Optimal ist das niedrigstmögliche Leidensniveau im Bedürfnisbefriedigungspool aller Individuen. Das Ziel ist also nicht „das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl“, sondern das kleinstmögliche Leiden der größtmöglichen Zahl.
Wenn von einem Ist-Zustand (hier dem Leiden) ein Sollen (hier ein Leiden-vermeiden) gefolgert werden soll, kontern Philosophen gerne mit dem auf David Hume zurückgehenden so genannten Sein-Sollen-Satz. Danach könne von einem Sein (Ist-Zustand) auf kein Sollen geschlossen werden. Richtig daran ist nur, dass aus einem Ist-Zustand, d.h. einem Sein, als einziger Prämisse (nach dem Muster: „Ich denke, also bin ich“ oder „Ich überlege, also bin ich frei“), gleichgültig, ob sie einen Seins-Zustand zum Ausdruck bringt oder anderen Inhalts ist, grundsätzlich keine schlüssige Folgerung gezogen werden kann. Der dennoch begangene logische Fehler ist in der Philosophie so geläufig, dass er gar nicht mehr recht wahrgenommen wird (siehe die obigen Beispiele) und bei Schwierigkeiten im gedanklichen Vollzug der ‚Folgerung‘ der Grund dafür statt in der Form (hier der fehlerhaften Schlußform) im Inhalt, im Sinngehalt der Aussage (hier dem einer einzigen Prämisse) gesehen wird. Dagegen steht keine logische Notwendigkeit im Wege, dass ein Wollen bzw. Nicht-Wollen kein ausreichender Grund für ein Sollen sein kann, insbesondere dann, wenn jedes Individuum will, dass alle übrigen seinem Wollen bzw. Nicht-Wollen nicht zuwider handeln.
Das läßt sich auch als logischer Schluß formulieren: Was alle wollen, wollen alle von allen respektiert haben (1. Prämisse). Alle wollen nicht leiden (2. Prämisse). Also wollen alle, nicht zu leiden von allen respektiert haben. Diese Schlußfolgerung kann nicht beinhalten, dass ein Teil, nicht zu leiden nur für sich respektiert haben will, weil sie sonst der 1. Prämisse widerspräche. dass das in der Praxis so ist, läßt Rückschlüsse auf die Vernunft der Betreffenden zu. Aus der Schlußfolgerung ergibt sich von selbst ein allgemeines Sollen, jenes Wollen zu respektieren. Im Einklang mit ihr steht der bekannte Imperativ: „Was du nicht willst, dass man dir tue, das füge auch keinem anderen zu.“
Der Grund für unmoralisches Verhalten
Das unmoralische Verhalten besteht in der Mißachtung der obigen Maxime, denn durch sie wird in jedem Fall der oberste Wert aller Individuen, die Leidlosigkeit, verletzt. Die Mißachtung besteht in einer mehr oder weniger ausgeprägten Geringschätzung bis völligen Wertloserachtung anderer Individuen. Das zeigt sich in jeglicher Art von Mißachtung gegenüber Menschen und Tieren durch vermeidbare leidensrelevante Eingriffe in ihre Integrität. Umgekehrt ist nichts unmoralisch, was kein Leiden hervorruft und somit nicht die psychische Integrität eines Individuums (nennenswert) verletzt. Für ein „System mit einem Überlebensproblem“ (siehe die zitierte Eingangsdefinition) gilt das auch für eine nicht unmittelbar leidensrelevante Umweltzerstörung oder -ausbeutung. An sich ist sie nicht unmoralisch, sondern nur hinsichtlich von Individuen (Menschen und Tieren, und seien es auch künftige), die möglicherweise darunter zu leiden haben.
Unmittelbarer Gegenstand der Geringschätzung sind quantitative und qualitative graduell existierende individuelle Eigenschaften, insbesondere rassische, ethnologische, soziologische, kulturelle, aber auch körperliche und geistige Eigenschaften. Ob psychisches Leid infolge sozialer Diskriminierung oder eben auch nur durch soziale Geringschätzung oder im Übergang zum physischen Leiden – dieses ist natürlich im Grunde ein psychisches –, in einer Ausbeutung bis zu physischem Zwang und Gewaltanwendung oder gar durch körperliche Verletzung und Tötung erlebt wird, immer gilt es, entstehendes Leiden, ebenso vorhersehbares künftiges, zu vermeiden und die dazu führenden Handlungen zu unterlassen.
Die existentielle Bedrohung durch das unmoralische Verhalten
Mittelbar trifft die Geringschätzung von Eigenschaften das dadurch abgewertete Individuum als Ganzes und ist deshalb um so verwerflicher. Notwendig muß sie damit seine Existenz bedrohen. Eigenschaften existieren nicht nur, sondern sie sind, ontologisch gesehen (alles Existierende ist Gegenstand der Ontologie), von der Existenz an sich nicht unterscheidbar. Das folgt einerseits daraus, dass eine Existenz von Entitäten, also einzeln Existierendem, zumindest eine Eigenschaft impliziert, weil eine eigenschaftslose Existenz nicht vorstellbar ist. Andererseits impliziert jede Eigenschaft notwendig Existenz, weil sie eben existiert und diese Existenz nur an der Eigenschaft bzw. den Eigenschaften erkennbar ist. Wenn aber solche gegenseitigen Implikationen zugleich bestehen, dann gilt der mengentheoretische Satz: „Wenn A enthalten in B und B enthalten in A, dann A, B.“ Das heißt, Eigenschaften und Existenz bzw. Eigenschaften und ihre Eigenschaftsträger sind bedeutungsgleich. Zudem ist Essentielles (Eigenschaften) nicht nur, wie auf diese Weise, in der Gesamtheit als bedeutungsgleich mit Existenz (d.h. mit allen Entitäten) nachweisbar, sondern es läßt sich, wie im folgenden Absatz gezeigt, auch eine alle Eigenschaften beinhaltende Grundeigenschaft als bedeutungsgleich mit aller Existenz logisch zwingend aufzeigen. D.h., es existiert letztlich eine einzige, wesentlichste, allerdings (wie im folgenden nachgewiesen) nicht eindeutig definierbare Eigenschaft X.
Alle bekannten Eigenschaften sind entweder so genannte körperliche-materielle oder so genannte geistige-ideelle Eigenschaften. Da die erstere Kategorie bedeutungsgleich ist mit den so genannten realen Eigenschaften und diese als bewußtseinsunabhängig gelten, sind sie sinnlogisch unhaltbar. Der Begriff „bewußtseinsunabhängig“ ist seiner Bedeutung nach nicht denkbar, weil er, um gedacht zu werden, eben das Bewußtsein benötigt, von dem er, dem Begriff nach, unabhängig sein soll. Damit verbleibt ontologisch alleine die Kategorie der so genannten geistig-ideellen Eigenschaften, die das Bewußtsein bezeichnend nicht grundlegender erklärbar sind, weil das Bewußtsein in dem Bestreben, sich zu erklären, durch den dann entstehenden Zirkel ontologisch nichts erklären kann. Diese einzig sinnvoll verbleibenden geistig-ideellen Eigenschaften können entsprechend als Ausdruck von Bewußtsein gelten. Zugleich sind aber die körperlich-materiellen Eigenschaften nicht wegdenkbar, und auch ist das Denken, ohne ihre Existenz anzunehmen, nicht sinnvoll vorstellbar, so dass sie notwendig in die als Ausdruck von Bewußtsein geltenden geistig-ideellen Eigenschaften eingehen müssen und mit diesen die Grundeigenschaft X bilden. (Zuletzt a.a.O. näher ausgeführt in meinen Philosophischen Schildbürgerstreichen. Diese Eigenschaft X, die als Grundeigenschaft alle übrigen Eigenschaften zumindest potentiell beinhaltet, ist somit nicht von Existenz an sich unterscheidbar.
Das unmoralische Verhalten durch eine leidensrelevante Geringschätzung von Individuen bedroht daher, gleichgültig wegen welcher Eigenschaften sie unmittelbar geringgeschätzt und dadurch psychisch verletzt werden, mittelbar mehr oder weniger ihre Existenz. Das wird in schweren Fällen von Menschenrechtsverletzung oder Tiermißhandlung offenkundig. Umgekehrt ist die Maxime „Leiden vermeiden“ die effektivste Richtschnur, die bei ihrer Befolgung „zur äußeren oder inneren Existenzerhaltung eines Lebewesens beiträgt“; siehe die zitierte Eingangsdefinition.
Die Geringschätzung anderer bedeutet in aller Regel die eigene Höherschätzung. Letztere ist nicht unmoralisch, wenn sie nicht mit einer leidensrelevanten Geringschätzung anderer verbunden ist, denn nur sie hat ethische bzw. moralische Bedeutung. Immer kann es nur das nicht vermiedene Leiden anderer sein, das ein Verhalten unmoralisch macht. Das gilt selbst im Extremfall, dass ein Getöteter unter seinem Tod nicht leidet, indem er weder davon wissen noch dieser ihm, infolge der augenblicklichen Zerstörung des Gehirns und somit des Bewußtseins oder schwerer Geisteskrankheit, bewußt werden kann. In diesem Fall können Dritte aufgrund der Kenntnis dieser natürlich kriminellen Handlung darunter leiden. dasselbe gilt für die Mißhandlung eines Bewußtlosen, die vor allem kriminell ist, weil sie niemand für sich will. Ein normaler operativer Eingriff dagegen, obwohl er die Integrität eines Individuums verletzt, ist als kleineres Übel weder kriminell noch unmoralisch.
Aus dieser Sicht ist logischerweise ein früher und damit für den Embrio nicht leidensrelevanter von der Schwangeren zur Vermeidung für sie drohenden Leidens gewollter Schwangerschaftsabbruch kein unmoralisches Verhalten. Dagegen ist die leidensträchtige Mißhandlung von insbesondere höher entwickelten, verständigen und deshalb sehr leidensfähigen Tieren schwerwiegend unmoralisch und hat nicht weniger als ein Verbrechen zu gelten als die Mißhandlung des höchstentwickelten und dann leidenden Tiers ‚Mensch‘. Soweit es sich, wie bei so genannten Nutztieren, um systematische Leidenszufügung handelt, liegt sogar der Tatbestand eines organisierten Verbrechens vor.
Es entbehrt übrigens jeder logisch zwingenden Begründung (Gesetze sind keine logischen Argumente!), dass ein ungeborenes menschliches Lebewesen ohne ein für die Leidensempfindung erforderliches Nervensystem, ja ohne seine Elemente, schützenswerter sein soll als Säugetiere, zu denen zudem auch der Mensch gehört, mit einem voll entwickelten Bewußtsein und menschenanalogem, durch ihr Verhalten erkennbarem Schmerzerleben. Ganz abgesehen davon, dass es sich bei einer solchen Behauptung nicht um eine ernstzunehmende Moral handeln kann, wenn sie eben, weil nicht logisch zwingend, nur bis zu einer Landesgrenze gilt. dass das ungeborene menschliche Individuum normalerweise später einen höheren Bewußtseinsgrad entwickelt, als das erwachsene Tier ihn hat, ist ohne Bedeutung für den Zeitpunkt der Leidenszufügung an dem letzteren.
In der Ethik ist viel von der Würde des Menschen die Rede. Eine sonderbare Auszeichnung ist das, die den anderen Arten von der sich als würdevoll bezeichnenden Spezies natürlich nicht zukommen kann, solange diese anderen ständiges Opfer einer für sie zum Leiden werdenden Fleisch-Freßlust der würdevollen Spezies sind, die es darin ohne Not den niedersten Tieren gleichtut.  Von ihrem sonstigen himmelschreienden, quälerischen Mißbrauch der Tiere ganz zu schweigen. Welch ein Zeichen von Würde und damit ethischer Ehrenstellung des Menschen unter den Tieren! Vielmehr müßte man den anderen mehr Würde zuschreiben als dem leider auch in negativem Sinn hochentwickelten Tier ‚Mensch‘, weil ihnen z.B. nicht die Schlechtigkeit eigen ist, in ihren Absichten die so menschliche, allgemeine und alltägliche Unehrlichkeit bzw. Täuschung zum eigenen Vorteil einzusetzen. Wenn es ein hervorstechendes, spezifisch menschliches psychisches Merkmal gibt, dann ist es die in dieser Schlechtigkeit zum Ausdruck kommende Verlogenheit, die den Menschen nicht als würdig, sondern als verachtenswürdig offenbart. Ein weiteres Beispiel, bei Menschen nicht nur leiblich bezogen, ist ihre Unersättlichkeit. Die anderen, obwohl ohne viel Vernunft, fressen nicht mehr als sie brauchen, falls sie nicht menschlicher Unverstand vollzustopfen sucht. In ihrem allein auf den Menschen bezogenen Anspruch ist die Würde Ausdruck von Eigendünkel, ja Größenwahn, denn sie könnte beim werdenden Menschen, dem diese Würde wie dem voll entwickelten zukommen soll, ebenso nur ontogenetisch angelegt sein wie bei gegenüber dem Menschen weniger entwickelten Tieren dann phylogenetisch, d.h. stammesgeschichtlich.
Dasselbe gilt für das begriffliche Vernunftdenken, das nicht zuletzt als Beleg für die Würde dienen soll. Beide müßten bereits in den physiologischen und biologischen Bedingungen für das Entstehen des höchstentwickelten Lebens ‚Mensch‘ liegen und damit dann, phylogenetisch gesehen, wiederum auch in denen der weniger entwickelten Tiere. Selbst wenn Würde und Vernunft durch „Emergenz“ entstanden sein sollen, dann hätten nach solcher Voraussetzung die Bedingungen dazu eben schon phylogenetisch angelegt sein müssen. Alles andere wäre ein Verstoß gegen den ‚Satz vom (zureichenden) Grund‘, demzufolge selbstverständlich auch ganz Neues nicht ohne Grund sein kann. Tatsächlich aber ist das Vernunftdenken, jedenfalls in seinen Anfängen, z.B. bei Menschenaffen sogar nachweisbar und mehr als im frühen Kindesalter, ganz sicher mehr als bei einem Säugling.
Auf einer in der Anlage nur beim Menschen vorhandenen, spezifischen, einzigartigen Eigenschaft kann die Würde schon deshalb nicht gründen, weil alle Eigenschaften und mithin auch die der Vernunft eben auf eine einzige, für alles Existierende geltende Grundeigenschaft zurückführbar sind, wobei Existieren als bloßes Das-Sein im Gegensatz zum Was-Sein keine Eigenschaft ist. Daraus ist zu ersehen, dass jede Eigenschaft vor ihrer Entfaltung potentiell existieren, d.h. angelegt sein muß. Überhaupt jedoch ist die Idee der Würde nur ein mit abstrakten Begriffen gestütztes Konstrukt, wogegen das für alles leidensfähige Leben essentiell wichtige Vermeiden-wollen von Leiden ein empirisch gesichertes Faktum ist. In jedem Fall ist eine Ethik ohne graduelle Einbeziehung der Tiere von vornherein Stückwerk. Jenes Konstrukt aber ist gänzlich überflüssig, wenn es als selbstverständlich gilt, kein Individuum, weder physisch noch psychisch, leiden zu lassen. Das gilt dann auch für die Menschenrechte.
Fazit
Mit diesem Konzept ist ein Ethik- und Moralansatz gefunden, der kulturübergreifend allen wesentlichen Lebenssituationen gerecht wird. Die Maxime „Leiden vermeiden“ vermag bei ihrer Befolgung Mensch und Tier, ja die Natur insgesamt, die unter dem anthropo- und egozentrischen Verhalten des Menschen auch im übertragenen Sinn leidet, zu schützen. Sie vermag Umwelt-, Tier- und Menschenschutz gleichermaßen zu verwirklichen. Mit diesem obersten Leitsatz könnte auch jene Würde, was immer damit gemeint sein mag, aber dann auch für die Tiere gelten muß, weitestgehend unverletzt bleiben. dass das keine bloße Vision oder Utopie ist, zeigt der Buddhismus, der die hier dargestellte Ethik im wesentlichen bereits praktiziert. In seinem Mittelpunkt steht das Leiden bzw. seine Aufhebung und moralisch das oberste Gebot, jedes Lebewesen vor Leiden möglichst zu bewahren sowie sein Leben zu achten.
Zur Ergänzung:
Die Menschenwürde im Zeitalter ihrer Abschaffung
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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