„Aufruf zur Revolte“

„Der Schritt in die Öffentlichkeit ist eine demokratische Notwendigkeit“

special_wecker2_475x165_39978Wenn Politik auf dem Firmenparkplatz endet, ständig neue Kriegseinsätze drohen und Whistleblower für Ihren Dienst an der Bürgergesellschaft weggesperrt werden, steigt der Politikverdruss – nicht nur in Deutschland. Dabei entstehen gerade jetzt immer mehr Ansätze für eine neue interaktive politische Öffentlichkeit.

Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. beschäftigen sich als Künstler und politische Aktivisten mit den entmutigenden und ermutigenden Seiten einer brandgefährlichen Situation.

In einem rasanten Aufruf voller Wut und Poesie drücken sie aus, was quer durch die politischen Lager von Vielen gedacht, aber nur selten in dieser Klarheit ausgesprochen wird. Ihr Fazit lautet eindeutig:

„Duckt Euch nicht! Steht auf! Stellt Euch zornig gegen die Energie der Zerstörung!“

Der „Aufruf zur Revolte“ ist keine Analyse, aber auch kein unbeherrschter Wutausbruch. Geboren aus der Erfahrung jahrelangen Bloggens, ist er ein gesellschaftspolitischer Aufschrei – ein Konsens, der aus einem mehr als zehn Jahre überspannenden Gedankenaustausch beider Autoren erwachsen ist.

wecker_streitschrift_cover_200_39979Die Autoren wissen, dass weite Teile der Öffentlichkeit ihre kritischen Vorstellungen teilen, aber sich alleine für zu unbedeutend und unwichtig halten, um zu ihrer Meinung öffentlich zu stehen. Aber gerade der Schritt in die Öffentlichkeit ist eine demokratische Notwendigkeit. Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. präsentieren nicht nur ihre politische Haltung – sie wollen mit ihrem Aufruf all denen, die an ihrer eigenen Wichtigkeit zweifeln, vermitteln, dass sie wichtig und bedeutend sind.
Wenn wir dem Befehl einer Autorität gegenüberstehen, sind es doch immer nur wir, die auf unsere eigene Verantwortung hin entscheiden, ob dieser Befehl moralisch ist oder unmoralisch.
„Eine Autorität mag die Macht besitzen, ihre Befehle durchzusetzen, ohne dass wir ihr Widerstand leisten können; aber wenn es uns physisch möglich ist, unsere Handlungsweise zu wählen, dann liegt die Verantwortung bei uns. Denn die Entscheidung liegt bei uns: wir können dem Befehl gehorchen oder nicht gehorchen; wir können die Autorität anerkennen oder verwerfen.“ Immanuel Kant
Ein Interview von Gerhard Scholz mit Konstantin Wecker für „Brennstoff“
Dieser Tage hat der Musiker und Autor Konstantin Wecker einen »Aufruf zur Revolte« veröffentlicht, in dem er und sein Co-Autor Prinz Chaos die undemokratischen Auswüchse neoliberaler Wirtschaftspolitik anprangern.
Du sagst, es sei ein Plädoyer für Mitgefühl und Solidarität.
Wecker: Ja, denn warum will man denn eigentlich revoltieren? Weil man die Menschen liebt und sieht, dass es ihnen nicht mehr gut geht; dass es, im Gegenteil, den meisten schlecht geht, und das nicht nur ökonomisch.
Wie überprüfst du dich als vermeintlicher Revolutionär selbst darauf, ob deine Haltung nicht „vielleicht nur Attitüde“ ist, wie du in deinem Lied „Wut und Zärtlichkeit“ schreibst?
Wecker: Das geht nur, wenn man sich immer wieder zweifelnd sich selbst nähert. Ich halte den Zweifel für das schönste Geschenk, das die Menschen bekommen haben. Zweifel ist ein Zeichen des Intellekts, über den ein Wesen verfügt. Du darfst nicht im Selbstzweifel ersticken, aber je mehr ich zweifle, desto klarer wird mein Selbstbild.
Und wo findest du dich selbst?
Wecker: In der Stille! Also ich finde, dass Revolution und Stille zusammengehören, so zusammen wie Mönch und Krieger, so zusammen wie Spiritualität und politisches Engagement. Die Stille ist notwendig, um dich dir selbst zu zeigen. In der Stille begegnest du dir selbst. Und in dieser Begegnung kannst du herausfinden, wie wahrhaftig dein Anliegen ist. Das kannst du nicht, wenn du dauernd mit anderen Menschen zusammen bist, weil da immer auch viel Eitelkeit mit dabei ist. In der Stille schauen wir in den Spiegel.
Passiert das auch in deiner Musik?
Wecker: Auch aus meinen Konzerten gehen viele Leute in die Stille, wenn sie mit dem einen oder anderen Gedanken dann mit sich selber allein sind, den in die eigene Stille mit nach Hause nehmen, um ihn zu verarbeiten. Und ich hab in letzter Zeit auch an mir selber gemerkt, dass ich die Stille dringend nötig habe.
Was wollt ihr mit eurem Aufruf bewirken?
Wecker: Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Dieses Lebensmotto von mir gilt auch für meine ganze politische Arbeit. Man muss nicht sofort immer etwas bewirken, aber man bezieht Position und sendet Signale aus, die bei vielen anderen Menschen ankommen.
Aber wir ermuntern die Menschen auch, hinter die Attitüde zu treten und aus der Stille heraus zu tun, ohne es an die große Glocke zu hängen.
Schlusswort aus der Streitschrift „Aufruf zur Revolte“
… Nein, wir haben mit dieser Schrift den Bereich der Kunst nicht verlassen. Dass viele unserer Kolleginnen und Kollegen und das breite Publikum von dieser Rolle der Kunst schon kaum noch etwas ahnen, geht uns nichts an. Wir haben getan und gedenken weiterhin zu tun, was seit jeher das Recht und die Pflicht des Künstlers war: Wir haben der kulturfeindlichen Verkommenheit unserer irrfahrenden Zeit ein längst überfälliges »J’accuse!« entgegengeschleudert, unser zorniges: „Ich klage an!“
Wir ergreifen Partei, wo Parteien versagen. Auf den „Luxus der Hoffnungslosigkeit“, wie Fulbert Steffensky es genannt hat, verzichten wir dankend. Aber nicht auf den Zorn, und wir bekennen uns mit Steffensky zur Voreingenommenheit, denn:
„Es gibt eine unerlässliche Voreingenommenheit, die die Augen öffnet. Wenn ich nicht voreingenommen bin von dem Wunsch nach Gerechtigkeit, dann nehme ich das Leiden der Gequälten nicht einmal wahr. Voreingenommenheit ist die Bildung des Herzens, die uns das Recht der Armen vermissen lässt. Ein Urteil zu haben ist nicht nur eine Sache des klugen Verstandes und der exakten Schlüsse, es ist eine Sache des gebildeten Herzens. Das gebildete Herz ist nicht neutral, es fährt auf, wenn es die Wahrheit verraten sieht. Der Zorn ist eines der Charismen des Herzens.“
Dorothee Sölle /Fulbert Steffensky , Wider den Luxus der Hoffnungslosigkeit, S. 12.
Wahrlich: Wir leben in gefährlichen Zeiten voller Niedertracht und einer ausgesprochen verdächtigen Art öffentlicher Harmlosigkeiten.
Die globale Diktatur, vor der wir in diesem Essay warnen, ist noch nicht ganz ausgereift. Sie übt noch. Aber wer ihren kalten Atem spürt, der duckt sich schon präventiv.
Duckt Euch nicht! Steht auf! Stellt Euch in diesem Sinne einseitig und voreingenommen und zornig auf den Standpunkt des gemeinsamen Lebens und der Liebe, gegen die Energie der Zerstörung und des Todes. Und lasst uns das um Himmels willen schnell tun, denn die Frist, die uns bleibt, das drohende Unheil abzuwenden, ist knapp bemessen.
Dass die Risiken, den Schritt zur Revolte jetzt zu wagen, erheblich sind, ist uns vollauf bewusst. Haben wir die Revolte einmal begonnen, wird jahrelanger Atem nötig sein, um diese Welt vom zermarterten Kopf auf die tanzenden Füße zu stellen.
Es wird Rückschläge geben. Wir werden bittere Niederlagen durchleiden müssen, Phasen der Mutlosigkeit.
Wir können alles das gemeinsam durchstehen. Inwieweit es bei diesem Tun der Revolte auch um ein letztendliches Siegen geht, ist in dem zwischen uns beiden seit nunmehr einem Jahrzehnt andauernden Diskussionsprozess übrigens eine wiederkehrende Frage. In Dresden gegen die braune Brut gesiegt zu haben, war eine begeisternde und erhebende Erfahrung.
Aber man kann auch verlieren, ohne dass dadurch dem Tun nur das Geringste von seiner Richtigkeit genommen wäre.
Nüchtern betrachtet sind allerdings die Risiken der Revolte weitaus geringer als die mit mathematischer Sicherheit eintretenden, katastrophalen Ergebnisse eines weiteren, tatenlosen Zuschauens und Mitlaufens. Und wenn wir endlich auch in Deutschland den Mut zur Revolte fassen, wenn wir uns frei machen vom Alpdruck der Angst und der Feigheit, dann werden auch wir eine andere Intensität des Lebens erfahren dürfen – Momente unvorstellbarer Schönheit, Explosionen der Lebensfreude, Kettenreaktionen der Kreativität, kurz: den Zauber wirklicher Freiheit, getragen von unserer unbeugsamen Hoffnung auf eine andere, würdigere Welt.
Download der Streitschrift „Aufruf zur Revolte“ 
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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