Arm durch Dummheit oder dumm durch Armut?

von Harald Weil aus „Dreigliederung“
Vermögende schmücken sich oft und gern mit der Legende alles durch Intelligenz, Willenskraft und Cleverness erreicht zu haben. Angesichts der vielen reichen Erben erstreckt sich die Zuschreibung dieser Fähigkeiten auch schon mal auf, für Vermögensbildung, offensichtlich besonders frühbegabte Spermien. Umgekehrt wird in dem zum Volkssport ausgearteten Unterschichtenbashing unverdrossen das Bild vom dummen und faulen Hängemattenbewohner bemüht, der seine Misere durch eigene Blödheit und abgeschlafftes Rumgehänge verursacht hat.
Nun hat ein amerikanisch/britisch/kanadisches Forscherteam sich diesem Thema gewidmet und kam zu dem Ergebnis, dass Armut wesentlich unsere mentalen Fähigkeiten unterminieren kann. [1]
Zwei Studien, eine bei indischen Zuckerrohrbauern, die andere bei einer aus reichen und armen Menschen gemischten US-amerikanischen Probandengruppe, stellten fest, dass Armut mentales Potenzial weitreichend absorbiert. Die indischen Bauern konnten im Verlauf eines in dieser Art immer wiederkehrenden Jahreszyklus, in dem sie schwankenden Einkommen ausgesetzt sind, in Phasen der Armut deutlich weniger Intelligenzleistungen ( IQ-Test) erbringen, als in den Phasen relativen Wohlstands. Die amerikanischen Probandengruppe zeigte vor allem bei schwierigen non-verbal tests ein deutliches Defizit bei den armen Teilnehmern. Diese Studie bestätigte zudem eine frühere Untersuchung, welche einen Zusammenhang zwischen Armut und Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung ergeben hatte («Previous data had shown a link between poverty and bad decision-making…»). [2]
Prof. Kathleen Vohs, Wissenschaftlerin an der University of Minnesota, begrüßte die Studie als eine beeindruckende Arbeit und äußerte die Zuversicht, dass sie den Diskurs über Armut nach vorne bringen wird. Wir meinen, dass sie den Diskurs über die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums dynamisieren sollte und die dringende Notwendigkeit einer solidarischen Ökonomie deutlich vor Augen führt. Wenn Armut nicht nur die materielle Lebenssituation beeinträchtigt, sondern auch den Kern des menschlichen Wesens in Mitleidenschaft zieht, seine denkerischen Fähigkeiten untergräbt und seine Willenskraft lähmt, ist die Frage von wirtschaftlicher Brüderlichkeit nicht mehr nur eine Frage der Gerechtigkeit. Sie ist auch nicht mehr nur eine Frage der Lebensrealität, wie Rudolf Steiner sie im Zusammenhang mit der weltweiten Arbeitsteilung als zwangsläufigen Altruismus beschrieb. Sie ist eine Frage des Kampfes des Menschengeistes gegen die Kräfte, die nicht nur seine jetzige Situation negativ beeinflussen, sondern ihm auch noch die Fähigkeiten beschädigen, diese Situation zu ändern. Sie ist somit auch eine Existenzfrage des freien Geistes. « … und immer karger, im Kampfe ums Brot, ist bemessen die Freiheit.» [3]
[1] www.bbc.co.uk/news/science-environment-23881780
[2] Ebd.
[3] P.P.Pasolini, Gramsci´s Asche, Gedichte Italienisch/Deutsch, S. 93, Piper Verlag , München 1984
Originaltext
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Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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