Die einfachste Lösung für das größte Problem

Von Torsten Müller aus „e-politik“
Intelligente Verschwendung statt unnötigem Verzicht?
Das Umweltproblem ist die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Wie stoppen wir den Klimawandel, wie wird die Wirtschaft grün? Michael Braungart und William McDonough zeigen in ihrem neuen Buch Lösungen auf. Eigentlich ist es ganz einfach. 
Du musst Dein Leben ändern! – Das klingt uns in den Ohren, wenn wir an die großen ökologischen Probleme wie Klimawandel und Umweltverschmutzung denken. Du musst die Produkte ändern! – sagen uns stattdessen der Chemiker Michael Braungart und der Architekt William McDonough.
Das ist die Kernaussage ihres Cradle-to-Cradle-Konzepts (C2C), das sie in ihrem ersten Buch Einfach intelligent produzieren aus den Hannover Principles von 1992 entwickelten. In ihrem neuen Buch Intelligente Verschwendung. The Upcycle: Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft präzisieren sie ihre Ideen und geben Hinweise zur Umsetzung. Es könnte eines der wichtigsten Bücher der Gegenwart werden.
Überfluss designen
Das Konzept Cradle to Cradle – von der Wiege zur Wiege – beschreibt, wie Produkte designt werden sollten, um keine Umweltschäden zu verursachen. Im Gegensatz zum vorherrschenden Cradle to Grave – von der Wiege zur Bahre – werden Produkte mit dem Ziel konstruiert, keinen Abfall zu hinterlassen. Sie werden vollständig wiederverwendet, z.B. werden technische Nährstoffe wie Stahl, Aluminium, Glas oder bestimmte Arten von Plastik wieder eingeschmolzen. Alle biologischen Bestandteile können rückstandsfrei in den natürlichen Nährstoffkreislauf zurückgeführt werden, wo sie wieder Futter für Lebewesen sind. Zur Herstellung werden erneuerbare Energien genutzt.
Im C2C-Produkt finden sich also keine toxischen Chemikalien. Beim Design wird die Entsorgung bereits mitgedacht und nicht dem Konsumenten und der Natur aufgebürdet. Ein C2C-Fernseher enthält also nicht ca. 3000 giftige Chemikalien wie ein herkömmliches Gerät, und kann vom Konsumenten einfach für die Mülltrennung zerlegt werden. C2C-Papier wird nicht mittels giftiger Chemikalien „recycled“ und nicht mit schwermetallhaltiger Farbe bedruckt. C2C-Farben haben keine toxischen Zusatzstoffe. Mit ihnen gestrichenes Holz kann also unbedenklich verbrannt werden oder verrotten.
Für Braungart und McDonough ist das C2C-Paradigma der Gegensatz zur vorherrschenden Sichtweise, dass die effizientere Nutzung von Energien und Chemikalien sowie ein gewisser Verzicht der Konsumenten das Umweltproblem eindämmen könne. Dieser „Öko-Effizienz“ stellen sie die „Öko-Effektivität“ von C2C entgegen. Indem die Menschen „Teil des natürlichen Kreislaufs der Regeneration unseres Planeten“ würden, schafften sie positive Rückkopplungen für andere Lebewesen. Aus dem Verzichtsgebot des Ökologismus werde durch C2C-Design ein Gebot des naturfreundlichen Überflusses.
Umweltschutz für Mensch und Wirtschaft
Der Autor Michael Braungart – “Mehr gut ist besser als weniger schlecht.”
Der Autor Michael Braungart – “Mehr gut ist besser als weniger schlecht.”
Dieses Ziel werde durch „Upcycling“ erreicht, indem Nährstoffe so lange wie möglich genutzt würden, wodurch positive Rückkopplungen entstünden. Es gehe nicht darum, ein „weniger schlecht“ anzustreben, sondern ein „mehr gut“. Den Lebenszyklus eines Materials mit fragwürdigen Methoden um drei, vier, fünf immer minderwertigere Produktstadien zu verlängern, ehe das dann wertlose Material auf der Deponie lande, sei dagegen „Downcycling“ und verschwende wichtige Nährstoffe. “Upcycling schafft das Konzept Abfall ab“, indem es Nährstoffe bewahre, für verschiedene Funktionen nutze und sie ohne Qualitätsverlust wieder an die Orte zurückführe, an denen sie benötigt würden.
Diese positive Denkweise wollen Braungart und McDonough auch auf die Wirtschaft anwenden. Anstatt schlechte Produkte durch sparsamen Gebrauch zu legitimieren, wollen sie gute Produkte im Überfluss produzieren. Ihnen ist bewusst, dass ihr Konzept nur funktionieren kann, wenn es der ökonomischen Logik Rechnung trägt. C2C-Produkte wird es nur geben, wenn sich ihre Forschung, Entwicklung und Produktion lohnen. Auch, solange die externen Kosten der Umweltverschmutzung, Entgiftung und Reinigung noch nicht beziffert werden können und den zukünftigen Generationen aufgebürdet werden.
Die Autoren liefern viele Beispiele, dass dies funktioniert, und auch die Theorie sagt dies voraus: C2C erzeugt für Unternehmen positive Effekte wie Ressourceneinsparungen durch Effizienz, Pfandsystem und Recycling; geringere Ausgaben für Kontrollen, Lobbying, Entschädigungen; Imagegewinn. Die wirtschaftliche Rentabilität ist der Lackmustest jeder sozialen Utopie. Dies dürfte der unermessliche Vorteil im Upcycling-Modell des C2C gegenüber dem vorherrschenden Dreisäulenmodell – Umwelt, Wirtschaft, Soziales – des derzeitigen Nachhaltigkeitskonzepts sein.
Die Allmende upcyceln
Neben der ökonomischen Logik äußern sich Braungart und McDonough auch zur Problemstruktur der Tragik der Allmende, wie sie der amerikanische Soziologe Garrett Hardin 1962 beschrieben hat. Die Allmende, ein Gemeinschaftsvermögen, steht hier symbolisch für Strukturen, in denen gemeinschaftlich genutzte Ressourcen durch das Eigeninteresse der Nutzer beschädigt werden. Der Fischer fängt Fische, ohne für die Aufzucht zu sorgen. Die Jeansfabrik produziert toxische Abwässer, ohne sich um den nahegelegenen Fluss zu kümmern. Stromkonzerne spalten Atomkerne, ohne sich deren Lagerung zu organisieren. – Die Allmende ist potentiell das Gegenteil von nachhaltig, darin liegt ihre Tragik.
In der Ökonomik werden diese Probleme durch Versicherungen, Rechtsordnungen und Regulierungen gelöst. Nun sind die Zusammenhänge allerdings so komplex, dass sie nicht mehr zentralistisch gelöst werden können. Wer ist für den Plastikmüll im Gardasee verantwortlich? Wer für den Schadstoff PFOA im Gletschereis? Wer für Flammschutzmittel im Eisbärenblut? – Alle und keiner.
So wie die 2012 verstorbene Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom die Tragik der lokalen Allmenden einst in ein lösbares Problem verwandelt hat, machen es nun Braungart und McDonough für die globale Allmende. Unsere Umwelt könne nur begrenzt durch Selbstorganisation, Recht und Bürokratie geschützt werden. Als Ganzes bleibe sie nur fruchtbar, wenn sie dauerhaft „upgecycelt“ werde. Dies sei eine ökonomische und ethische Lösung, so die Autoren.
Saubere Muttermilch
Der Architekt und Visionär William McDonough
Der Architekt und Visionär William McDonough
Ein C2C-Zertifikat gibt es bereits und wird vom Cradle to Cradle Products Innovation Institute, einer von Braungart und McDonough gegründeten Nicht-Regierungsorganisation, vergeben und katalogisiert. Mehrere weitere Unternehmen dürfen das Label vergeben, darunter auch die beiden Firmen der Autoren, die McDonough Braungart Design Chemistry und die Environmental Protection and Encouragement Agency.
In dem Zertifizierungsprozess geht es darum, herauszufinden, welche Stoffe in der gesamten Zulieferkette zum Einsatz kommen. Es sollen nur unbedenkliche Stoffe, „die nicht in der Muttermilch auftauchen dürfen“, verwendet werden. Derzeit gibt es vier Zertifizierungsgrade: Bronze, Silber, Gold und Platin, sowie eine Sonderkategorie für Produkte, die derzeit einer Analyse unterzogen werden.
Wie geht’s weiter?
Das Konzept des C2C gibt es nun bereits seit mehr als einem Jahrzehnt. Trotz seiner Plausibilität ist es nicht in aller Munde und es gibt nur wenige bekannte C2C-zertifizierte Produkte. Dies mag damit zu tun haben, dass viele C2C als Utopie einstufen und sich mit dem „weniger schlecht“ des Ökologismus abgefunden haben. Sicher ist es ein langer Weg zum Ziel einer sauberen Welt für alle, doch wie will man es erreichen, wenn nicht mit einer sauberen Wirtschaft?
Das einfache Konzept der Autoren: Cradle-to-Cradle-Design mit seiner Verankerung in ökonomischer und soziologischer Vernunft eröffnet eine positive, aber nicht naive Perspektive auf die Zukunft. Das ist ein riesiges Verdienst von Braungart und McDonough, denn nicht nur Garrett Hardin sah nach seiner Analyse der Tragik der Allmende schwarz für die Menschheit. Zu viele Menschen würden den Planeten bevölkern und ruinieren. Noch heute ist z.B. auch Stephen Emmotts Antwort auf das Bevölkerungswachstum in seinem vor kurzem erschienen Bestseller Zehn Milliarden fatalistisch: „We’re fucked.“ Man möchte hinzufügen: wenn wir nicht upcyceln.
Michael Braungart, William McDonough:
Intelligente Verschwendung. The Upcycle: Auf dem Weg in eine Überflussgesellschaft,
München 2013, ISBN: 9783865813169
208 Seiten, 17,95 EUR
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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