Du sollst nicht sollen!

von Henri Huhki Edelbauer aus „brennstoff“

Ziviler Ungehorsam gegenüber dem inneren Kontrolleur!

Es ist einfach zu einfach. Deshalb sind alle komplizierten Programme, die Gesellschaft zu revolutionieren oder zu reformieren, gescheitert. Die simple Wahrheit: Keine Minderheit kann auf Dauer die Mehrheit unterdrücken; es sei denn, die Repression wird von oben nach unten delegiert, so daß jede(r) Einzelne den Mächtigen die Hauptarbeit abnimmt: durch Selbstunterdrückung.
Liebes Lesewesen, hast du auch manchmal den Eindruck, Zwei zu sein? Zwei ganz gegensätzliche Charaktere zu verkörpern, die aufeinander gar nicht gut zu sprechen sind? Der ‚Topdog‘: ein Antreiber, ein Schleifer, ein Tyrann, ein ‚Spieß‘ wie man beim Militär sagt, der droht und schimpft, wenn ihm der Gehorsam verweigert wird. Und wer ist ihm Gehorsam schuldig? Der ‚Underdog‘, die subalterne Hälfte der Person, die – aus der Sicht des ‚Topdogs‘ ständig zu spät dran ist, die Planziele nicht erreicht und sich gehen läßt.
Natürlich spielt sich dieser ewig unentschiedene Kampf zwischen dem ‚Kontrolleur‘ und dem widerwillig gehorsamen ‚Gesinde‘ als innerer Dialog oder überhaupt nur halb bewußt ab. Wäre es anders, würden wir die Befehle aus unserem eigenen Inneren wirklich hören, dann könnten uns früher oder später die Männer mit den weißen Mänteln abholen. Denn: dem Kontrolleur gehorchen, gilt als zivilisiert; ihn zu hören, als psychotisch!
Bekannt sind die imperativen Stimmen paranoider Schizophrener, die ihre ‚Gastgeber’ beleidigen, korrigieren, niederkeifen und immer wieder anschaffen, was diese zu tun haben. Ich habe mich lange mit solchen Leidenden – Patienten im Wortsinn – unterhalten und der Grundtenor war: „Die Stimmen haben so eine Macht, daß es fast unmöglich ist, sich ihnen zu widersetzen. Man muß einfach gehorsam sein. Sonst treiben sie dich in den Tod.“ Julian Jaynes hat ein bekanntes Buch geschrieben, mit dem beachtlichen Titel: „Der Ursprung des Bewußtseins aus dem Zusammenbruch der bikameralen Psyche“, in dem er schlüssig aufweist, daß das Hören ‚göttlicher’ Befehle in den frühen Hochkulturen alltäglich war und die erstaunliche Massenkooperation in Ägypten oder Mesopotamien erst möglich machte. Laut Jaynes sind heutige Schizophrene zu spät geborene Vertreter der Frühantike.
Wahnsinn als Methode. „Wer sich nicht befehlen kann, der soll gehorchen. Und mancher kann sich befehlen, aber das fehlt noch viel, daß er sich auch gehorche.“ Aussage eines letzten Endes Wahnsinnigen, nämlich Friedrich Nietzsches, der seiner abseitigen Kontroll-Metaphysik noch den Unsatz hinzufügt: „Alles Lebendige ist ein Gehorchendes!“ Könnte alles Lebendige diesen Nietzsche-Spruch lesen, so würde sich alles Lebendige vor Lachen schütteln.
Der Zusammenhang zwischen Spracherwerb, ‚Selbstdisziplin‘ und ‚Wahnsinn‘ ist mir im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts erstmals klargeworden. Mit meinem Freund Thomas Nagy und meiner Tochter Raphaela versuchte ich, Wittgensteins Tractatus in die Gebärdensprache der Gehörlosen (oft unpräzis „Taubstumme“ genannt) zu übersetzen. Mir fiel zweierlei auf:
1) Von Geburt an Gehörlose erlernen ihre Gebärdensprache nicht so ‚imperativ‘ wie wir Hörenden als Kinder unsere Lautsprache. Denn diese Art der Verständigung besteht überwiegend aus ikonischen Gesten, welche Dinge und Vorgänge nachbilden. Im Vordergrund steht beim Lernen die Nachahmung und nicht das Befolgen von Anweisungen.
2) Es gibt zwar als schizophren diagnostizierte Gehörlose, aber diese erleben niemals ‚innere Gebärden‘, welche ihnen etwas anschaffen, analog zu den inneren Stimmen der anderen Psychotiker.
Für uns Hörende und Gehorchende spielt also die Art, wie wir sparchlich sozialisiert werden, die entscheidende Rolle. Wir lernen den keineswegs eingeborenen Kadavergehorsam schon in Form der frühesten „Sprachspiele“. Ludwig Wittgenstein, von dem dieser Terminus stammt, faßt die Nötigung, mit welcher der Spracherwerb im Babyalter anhebt, in die prägnante Bemerkung:
„Das Kind lernt nicht, dass es Bücher gibt, dass es Sessel gibt etc. etc., sondern es lernt Bücher holen, sich auf Sessel zu setzen etc.“!
Von Wittgenstein stammt auch der Begriff ‚Sprachspiel’, er meint damit, wie er sagt, das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten mit denen sie verwoben ist.
„Du mußt bedenken, daß das Sprachspiel sozusagen etwas Unvorhersehbares ist. Ich meine: Es ist nicht begründet. Nicht vernünftig (oder unvernünftig).“
Es ist nun einmal so: Kinder lernen ganz zuerst das ‚Ursprachspiel’, nämlich zu tun, was ihm gesagt wird. „Schau!“, „Gib!“, „Komm!“…Darin liegt noch nichts Verhängnisvolles. Ohne natürliche Autoritäten – Meister, Lehrer, Eltern – würden unsere humanen Lebensformen auseinanderbrechen. Auf Anweisungen zu hören wird erst dann fatal, wenn es die eigenen sind; die mahnende Stimme aus der Zukunft. Ich habe da meine eigenen Erfahrungen:
Wenn ich mich an meine Kindheit im Alter zwischen vier und acht erinnere, dann wurde ich umso mehr mein eigener Gegner, je mehr ich das Leben als Zeit begriff…Mein Widersacher lebte in meiner Zukunft und von meiner jeweiligen Gegenwart. Er drängte mich, ihm Schokolade übrig zu lassen, damit er sie morgen genießen konnte; er zwang mich, ihm langweilige Tätigkeiten wie Spielsachen aufräumen, abzunehmen…
Und die Spaltung zwischen dem gehorsamen ‚Ich’ von heute und dem strengen ‚Über-Ich’ von morgen wird später nur noch als permanentes: Ich muß noch! empfunden:
Vor der gestressten Karriereperson steht ein gespenstischer Doppelgänger nach dem anderen bis zum Horizont, jeder folgende ein Stück größer als sein temporaler Untergebener, und jeder mustert jeweils in kafkaesker Strenge seinen Vorgänger. Wenn ich nicht im Plan bin, fürchte ich vielleicht vordergründig die Kritik meines Chefs, aber hinter dieser Furcht lauert die Angst vor mir selbst, denn ich werde mich anklagen, wenn er mich abmahnt oder entläßt.
Die zehn Verbote. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Im allgemeinen ist das ‚Verbot’ leicht zu verstehen, einfach durchzusetzen und erfordert keine langwierige Dressur; und: etwas zu verbieten ist nicht unbedingt an die Beherrschung der und durch die komplexe Sprache und deren ausgefeilte Grammatik gebunden. Viele Tiere ‚erlassen’ Verbote, mittels einfacher Laute, drohender Gebärden oder eindeutiger Duftmarken. Das Verbot hat vorsprachliche Wurzeln. Auch die Ethik der alten Religionen gründet in einer Reihe von Untersagungen. Entscheidend ist, was man nicht darf.
Die so genannten ‚Zehn Gebote’ im Alten Testament erweisen sich als Verbote. Als Erläuterung, den Sabbat zu heiligen, steht ausdrücklich, an diesem Tag nicht zu arbeiten. Die einzige, wenigstens teilweise, positive Forderung im Dekalog: Vater&Mutter zu ehren. Sie aber bildet die Grundlage aller Sprachspiele, in denen es darum geht, etwas bestimmtes zu tun. Die Eltern zu ehren = auf sie zu hören = ihnen zu gehorchen. Auch die fünf ethischen Vorschriften Buddhas (‚Silas’) stellen nur fest, was zu unterlassen ist.
Das ‚Gebot’ nämlich setzt schon die ganze komplexe menschliche Sprachkompetenz, eingebettet in unsere Lebensformen, voraus. Dieser Gehorsam muß lange erlernt, eingeübt, praktiziert werden, um schließlich den sekundären Instinkt des Sollens als zweite Natur zu etablieren.
Es sieht so aus, als könnten Tiere mangels Sprache einander überhaupt nichts anschaffen; als gäbe es im Tierreich logischerweise keine Gebote. Aber auch das ist falsch. Nacktmulle beispielsweise müssen ihre unterirdischen Gänge permanent, erweitern und sanieren, damit die Kolonie überlebt. Die Nacktmull-‚Königin’ patroulliert ständig durch das Labyrinth, um zu kontrollieren, ob all ihre ‚Untertanen’ wirklich fleißig am Werk sind. Entdeckt sie einen Faulpelz, dann setzt es Bisse und Prügel. Die Hackler-Mulle sind sich dieser Pflicht durchaus bewußt, denn schon beim Herannahen ihrer Gebieterin verdoppeln sie ihre Leistung.
Die dreifache Dressur. Die ‚Sprachspiele’ Befehl/Gehorsam gehören zu den Fundamenten unserer sprachlich vermittelten Lebensform; d.h. das Kind lernt seine Sprache zuerst einmal im Imperativ. Spracherwerb in einer arbeitsteiligen, entfremdeten Gesellschaft beginnt als Dressur. Einige überstehen diese Abrichtung nicht als zumindest scheinbar intakte Persönlichkeiten. Gerade die Kinder, welche durchschauen, daß ihnen hier ein fremder Wille als der eigene ‚eingegeben’ werden soll, entwickeln oft im Anschluß an die Pubertät so genannte ‚Wahnideen’, glauben, daß ihnen Gedanken eingegeben werden, erleben eine Depersonalisation, sind mit Mächten konfrontiert, denen sie Gehorsam schuldig sind.
Das Befehlen und Gehorchen wird im nächsten Schritt verinnerlicht (internalisiert), das Kind lernt sich selbst etwas ‚anzuschaffen’ und sich selbst ‚zu folgen’, wie es in Österrreich treffend genannt wird. Diese innere Spaltung das Kontrollierende und das Kontrollierte wird in der Schule fortgesetzt, bis der Eigengehorsam dem jungen Menschen fast irreversibel in die Seele eingewachsen ist; man könnte sagen: Das ist der Hauptzweck unseres Schulsystems! Bildung, wo ‚wir’ sie uns überhaupt noch leisten – falls ein Notgroschen von der Bankenrettung übrig geblieben ist – stellt für Wirtschaft und Politik bestenfalls den Nebenzweck der Schuldressur dar; für viele ‚Macher’ sogar eine unerwünschte Nebenwirkung der Abrichtung.
Der Feinschliff erfolgt schließlch im Rahmen der ‚Berufswahl’, welche heute meistens von staatlichen und privaten Arbeitsvermittlern getroffen wird. Hier erreichen manche Überfolgsame eine Meisterschaft der Selbsrdressur, welche schon ins Psychosomatische reicht; so ist bei einem großen Lebensmittelfilialisten, die Anzahl der Klobesuche während der Arbeitszeit streng rationiert.
Selbst ist der Tyrann! Keine noch so reiche und perfide Minderheit kann ganze Nationen, ja Kontinente, auf Dauer unterdrücken und ausbeuten, wenn sie die Unterdrückung nicht nach unten deligiert. Wie die Abfallwirtschaft die Mülltrennung dem Konsumenten aufhalst, so überträgt das System der stillen Gewalt die Unterdrückungsarbeit den Versklavten selbst. Der von außen in die Psyche implantierte Eigengehorsam wird sprachlich geschönt, es tauchen Euphemismen auf wie ‚Selbstkontrolle’, ‚Selbstdisziplin’ oder gar ‚Willenskraft’!
Die vorauseilende Selbstunterwerfung unter die Interessen des Geldkultes als reale Weltreligion wird dem verwirrten Gläubigen als seine Stärke präsentiert. Aber das Gegenteil ist wahr: es gehört einiges an Willensentkräftung dazu, um – wie beim deutschen Nachbarn, der wie immer dem bedächtigen Ösi um eine Nasenlänge voraus ist – als Hartz IV-Empfänger, seine letzten intakten Bandscheiben im Ein-Euro-Job aufzureiben.
Die meisten Erwachsenen, welche sich vermeintlich Selbstgehorsam schulden, erleben ihre Spaltung nur als diffuses Sollen, ein Begriff, den die Philosophen schon seit über 2000 Jahren vergeblich zu definieren suchen. „Was soll ich tun?“ bleibt eine unbeantwortbare Frage, weil hinter ihr der zähe Kampf zwischen Topdog und Underdog, das Dilemma des Eigengehorsams ungelöstbleibt. Was ich selbst tun sollte, weiß ich jetzt jedenfalls: meinen inneren Kontrolleur, der mir nur energie raubt und mich kein bißchen effektiver macht, möglichst schnell in Pension schicken!
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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