Those Depressing Germans – Diese deprimierenden Deutschen

Deutsche Politiker sind wütend auf Amerika, und das nicht nur wegen der Sache mit Angela Merkels Telefon. Was sie jetzt erbost, ist ein (langer) Absatz in einem Zustandsbericht des amerikanischen Finanzministeriums zur Wirtschafts- und Währungspolitik des Auslands. In dem Abschnit argumentiert das Finanzministerium, Deutschlands enormer Überschuss in der Leistungsbilanz – ein grobes Mass für die Handelsbilanz – wirke sich nachteilig aus, weil er “ eine deflationäre Ausrichtung in der Eurozone sowie in der Weltwirtschaft begünstige.”
Von Paul Krugman, NYT , 3.November 2013, Übersetzung Sabine Tober, aus „NachDenkSeiten“
Verärgert bezeichneten die Deutschen diese Argumentation als “unverständlich.” “Es gibt in Deutschland keine Ungleichgewichte, die eine Korrektur unserer auf Wachstum ausgerichteten Wirtschafts- und Finanzpolitik erforderlich machen würden,” erklärte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums.
Aber das amerikanische Finanzministerium hatte Recht, und die deutsche Reaktion war beunruhigend. Einerseits verdeutlicht sie die noch immer bei Politikern in Deutschland, in anderen Teilen Europas und tatsächlich bei Politikern weltweit verbreitete Weigerung, sich dem Kern unserer Wirtschaftsprobleme zu stellen. Andererseits zeigt sie Deutschlands bedauerliche Neigung, jedwede Kritik an seiner Wirtschaftspolitik als unfair zu beklagen.
Zunächst die Fakten. Erinnern Sie sich noch an das China-Syndrom, als Asiens größte Volkswirtschaft wegen seiner unterbewerteten Währung immer so große Handelsüberschüsse hatte? Also, China hat zwar noch immer Handelsüberschüsse, aber sie sinken. Deutschland hat jetzt Chinas Platz eingenommen: Im vergangenen Jahr hatte nicht China, sondern Deutschland weltweit den höchsten Leistungsbilanzüberschuss. Und in Relation zum BIP war der mehr als doppelt so hoch wie der Chinas.
Deutschland hat nun allerdings schon fast zehn Jahre lang immer hohe Überschüssse eingefahren. Anfänglich standen diesen Überschüssen aber große Defizite in den südeuropäischen Ländern gegenüber, die durch den starken Zustrom deutschen Geldes finanziert wurden. Europa als Ganzes hatte noch immer eine relativ ausgeglichene Handelsbilanz.
Dann kam die Krise, und die Kapitalströme in Europas Peripherie brachen zusammen. Die Schuldnerstaaten wurden – zum Teil auf Drängen Deutschlands – zu scharfer Austerität gezwungen, wodurch ihre Handelsdefizite wegfielen. Aber etwas lief falsch. Das Sinken der Handelsungleichgewichte hätte symmetrisch sein sollen, Deutschlands Überschüsse hätten also genauso sinken müssen wie die Defizite der Schuldner. Deutschland aber nahm keinerlei Korrekturen vor: Die Defizite in Spanien, Griechenland und andernorts sanken, Deutschlands Überschuss jedoch nicht.
Für Europa war das sehr schlecht, denn Deutschlands Verweigerung einer Kurskorrektur verstärkte die Auswirkungen der Austerität noch. Nehmen wir einmal Spanien, vor der Krise das Land mit dem größten Defizit. Es war unvermeidlich, dass Spanien magere Jahre bevorstehen würden, während es lernte, im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten zu leben. Aber es war nicht unvermeidlich, dass die Arbeitslosigkeit in Spanien auf beinahe 27 Prozent anstieg und die Jugendarbeitslosigkeit sogar auf beinahe 57 Prozent. Und Deutschlands Unbeweglichkeit trug als ein entscheidender Faktor zu Spaniens Not bei.
Für die übrige Welt ist es auch schlecht. Es ist eine einfache Rechnung: Da Südeuropa seine Defizite beenden musste, Deutschland aber seinen Überschuss nicht reduziert, fährt Europa insgesamt große Handelsüberschüsse ein und trägt so dazu bei, die Weltwirtschaft schwach zu halten.
Wie wir gesehen haben, reagieren deutsche Politiker auf all dies mit der verärgerten Feststellung, Deutschlands Politik sei ohne Fehl. Tut mir leid, aber das ist (a) völlig gleichgültig und (b) einfach nicht wahr.
Warum es gleichgültig ist: Fünf Jahre nach dem Fall von Lehman Brothers schwächelt die Weltwirtschaft noch immer und leidet unter andauerndem Nachfragemangel. In einem solchen Umfeld macht ein Land mit einem Handelsüberschuss, um es mit einem bekannten Zitat auszudrücken, seine Nachbarn zu Bettlern. Es lenkt die Ausgaben fort von den Waren und Dienstleistungen dort und hin zu seinen eigenen und vernichtet dadurch Arbeitsplätze. Ob das böswillig oder mit den besten Absichten gemacht wird, spielt keine Rolle, es wird eben gemacht.
Darüber hinaus ist Deutschland aber tatsächlich nicht schuldlos. Es hat die gleiche Währung wie seine Nachbarn, und das hat große Vorteile für deutsche Exporteure, die ihre Waren in einem schwachen Euro in Rechnung stellen können statt in einer andernfalls sicherlich enorm aufgewerteten deutschen Mark. Deutschland hat es aber versäumt, seinen Beitrag in der Sache zu leisten: Um einen europäischen Wirtschaftseinbruch zu verhindern, hätte es mehr ausgeben müssen, während seine Nachbarn gezwungenermaßen weniger ausgaben, und das hat Deutschland nicht getan.
Deutsche Politiker sehen das natürlich ganz anders. Sie betrachten ihr Land als leuchtendes Beispiel, dem alle folgen sollten, und sie ignorieren einfach die unbequeme Tatsache, dass es ja nicht geht, dass wir alle gigantische Handelsüberschüsse einfahren.
Wobei es ja leider nicht nur die Deutschen sind. Deutschlands Handelsüberschuss richtet aus demselben Grund so viel Schaden an wie die Kürzungen bei Foodstamps und Arbeitlosenunterstützung, die in Amerika Arbeitsplätze vernichten – und republikanische Politiker sind ungefähr genauso empfänglich für Kritik wie deutsche. Im sechsten Jahr einer weltweiten Wirtschaftskrise, deren Hauptkriterium ein Manko auf der Ausgabenseite ist, verstehen viele Politiker das noch immer nicht. Und womöglich werden sie das auch nie tun.
Originaltext
Advertisements

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
Dieser Beitrag wurde unter Éthnos, Bewußtsein, Geld, Kultur-Leben, Rechts-Leben, Soziales Leben, Wirtschafts-Leben, Zum Aufwachen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s