Teilen ist ein kulturelles Recht, kein Marktversagen

von Philippe Aigrain, Übersetzung Anne-Christin Mookaus „Berliner Gazette“
9155317210_7c61e5d215lDaten teilen, Arbeit teilen – wenn aus zusammenarbeitenden Komplizen illegale Piraten werden, geht laut Informatiker und Gesellschaftstheoretiker Philippe Aigrain ein kulturelles Recht verloren. Er plädiert dafür, Teilen nicht als wirtschaftliches Defizit, sondern als ein Recht zu sehen, das es einzufordern gilt.
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Ein nicht enden wollender Strom von Rechtsvorschlägen, Rechtsinitiativen und freien Handelsabkommen versucht das nicht durch den Markt motivierte Teilen digitaler Arbeiten zwischen Individuen zu unterbinden. Neue Strategien sollen Mittelsmännern ermöglichen, das Internet so zu kontrollieren, dass die auf Knappheit basierenden Wirtschaftsmodelle von Wenigen vor der von Überfluss getriebenen Konkurrenz unter Vielen geschützt werden können. Alles wie immer? Nicht mehr.
Es gibt starke Anzeichen dafür, dass Bürger und Organisationen für Digitale Rechte in der ehemals als „Piraterie“ bekannten Debatte eine neue Reife erreicht haben. Viele Jahre lang haben sie wie selbstverständlich auf die Schäden hingewiesen, die der Krieg gegen Piraterie dem Internet, der Freiheit und fundamentalen Rechten zugefügt hat. Aber viele scheinen vergessen zu haben, dass die Initiatoren des Datentausches ihrem Kind eben diesen Namen gaben: Datentausch.
Sie wollten nicht für die Legitimität ihrer Sache gerade stehen und suchten nach Möglichkeiten einen Frieden im Krieg gegen Piraterie zu erkaufen. Sie haben globale Lizenzvorschläge vorangetrieben, die die Kompensation einer begrenzten Zahl von Wirtschaftszweigen wie der Film-, Musik-, und Fernsehindustrie vorsahen, für deren angebliche Einbußen durch unautorisiertes Teilen von Daten zwischen Nutzern.
“Teilen ist kein Diebstahl”
Dieser defensive Ansatz war nie der einzige Vorschlag. Bereits 2002 hat der Blur-Banff-Vorschlag nach einer Lösung gesucht, um eine digitale Kultur des Teilens nachhaltig zu gestalten. Aufbauend auf früheren Vorschlägen von Richard Stallman und Jamie Love haben 2008 verschiedene Bürgerrechtsgruppierungen begonnen eine Agenda zu verfolgen, die explizit das Teilen von digitalen Inhalten zwischen Individuen als grundlegendes Recht vertritt und konsequent die Bezeichnung Piraterie für solche Aktivitäten zurückweist.
Die Debatte sollte weggeführt werden von finanziell motivierten Lösungen hin zu einer Diskussion über die Nachhaltigkeit der digitalen Kultur. Beispiele für diese wieder aufkommende Verankerung des Teilens in kulturellen Werten und Herausforderungen sind zum Beispiel die „Teilen ist kein Diebstahl“-Slogans der Anti-ACTA Bewegungen in Polen, Deutschland und Frankreich, Vorschläge von den Bürgerrechtsgruppen Centrum Cyfrowe, Fundacja Nowoczesna Polska in Polen oder La Quadrature du Net in Frankreich, Standpunkte von Wissenschaftlern und Aktivisten wie Alan Toner oder Savoirs Communs, sowie Haltungen von von Menschenrechtsgruppen wie der „Right to Share Initiative of Article 19“.
Was können wir erreichen, wenn wir Teilen als kulturelles Recht ansehen und den ökonomischen Ansatz zurückweisen, für den Teilen ein Versagen des Marktes ist, das durch ein attraktiveres legales Angebot korrigiert werden kann?
Ein Zustand menschlicher kultureller Entwicklung
Ein attraktiveres kommerzielles Angebot für digitale Werke in den verschiedenen Medien ist eine hervorragende Idee. Das kann aber nicht die Lösung sein: Teilen ist kein Problem, sondern ein Zustand der menschlichen kulturellen Entwicklung. Der Zugang zum Besitz von digitalen Daten, die für Werke stehen und das Recht und die Fähigkeit diese mit anderen zu teilen ist die praktische Umsetzung des Rechtes „frei am kulturellen Leben der Gemeinschaft“ teilzunehmen, wie es in Artikel 27.1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte definiert ist.
Das Unterbinden von unautorisiertem Teilen führt nicht dazu, dass die kommerziellen Angebote und der Zugang zu den Werken vielseitiger werden oder dazu, dass sie fairer in ihren Preisen, der Bezahlung des Autors und den Nutzerrechte werden. Stattdessen lässt es schlechtere Zustände entstehen, führt zur Konzentration auf noch weniger Werke, verpflichtet zur Nutzung von rechtlich geschützten Plattformen und Formaten, schränkt die Nutzerrechte ein, und macht die Nutzer zum unsicheren Mieter von Inhalten.
Viele Bürgergruppen und Wissenschaftler haben über Jahre hinweg eine verzerrte Debatte akzeptiert. Sie dachten, es sei eine gute Strategie die Existenz des Teilens auf die Fehler der kommerziellen Angebote zu schieben und dass es genügen würde, die schlimmsten Argumente des Kriegs gegen das Teilen zu widerlegen.
Es war einfacher nicht mit den Nutzern zu sprechen, die ohne Profitdenken Daten teilen, und denjenigen, die ihnen das ermöglichen, statt für die Legitimität dieser Tätigkeiten zu stehen. Dadurch haben sie zur Verbreitung von zentralisierten Download- und Streaming-Seiten beigetragen. Sie haben nicht realisiert, dass durch die Akzeptanz des Paradigmas „Teilen ist ein Versagen des Marktes“ Kultur als identisch mit Wirtschaft und ihren digitalen Gütern und Zwischendiensten verstanden wurde.
Kreative Entwicklung im Universum von Überfluss
Dabei ist der nicht-wirtschaftliche Bereich ein Kernbestandteil nicht nur der digitalen Kultur sondern aller Kultur im digitalen Zeitalter. Die Bedingungen der Debatte verhinderten darüber hinaus, dass die wahren Herausforderungen für die Nachhaltigkeit der digitalen Kultur identifiziert wurden. Diese Herausforderungen sind in der Tatsache verankert, dass es mehr und mehr wertvolle Produzenten von interessanten Inhalten gibt, die allen verfügbar gemacht werden.
Das lässt folgende Fragen für die digitale Kultur entstehen: Wie werden wir den Wert von Werken in so einem Universum von Überfluss erkennen und sie zu dem verdienten Level an Sichtbarkeit bringen? Dieses Problem verlangt nach einer Vielzahl von technischen und sozialen Innovationen sowie öffentlichen Richtlinien wie der Richtlinie für echten Wettbewerb, mit der Vertriebsmonopole verhindert werden, sowie das Entfernen der DRM-Grenzen von Interoperabilität.
Es ist eine gute Nachricht, dass die Dominanz der „Piraterie ist ein Versagen des Marktes“-Sichtweise sich ihrem Ende nähert. Jetzt ist es Zeit für alle zu erkennen, dass fehlendes Verständnis für das Teilen als ein kulturelles Recht ein Nebenprodukt des Marktfundamentalismus ist.
Originaltext

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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