Dialektik der Befreiung – Teil 1

von Helena Saña aus „Streifzüge“
»Das Leben hat genau so viel Sinn, als wir
selber ihm zu geben imstande sind.«
Hermann Hesse, »Mein Glaube«
Die Geschichte ist nicht zu Ende
Der Kapitalismus ist keineswegs die Endstation der Geschichte. Wer so denkt – und das sind nicht nur die Träger und Nutznießer des Systems -, übersieht, daß die Geschichte in ihrer Dialektik immer wieder für Überraschungen sorgt, alte Ordnungen aus dem Weg räumt und neue hervorbringt. Nicht Fukujama, sondern sein Landsmann Peter L. Berger hat recht: „Doch die Modernität selbst ist ein relatives Phänomen, sie bildet einen Augenblick in den gesellschaftlichen Bewegungen des menschlichen Bewußtseins, ist weder ihr Höhepunkt noch ihr Wendepunkt oder ihr Ende.“(1) Und noch deutlicher bringt es Immanuel Wallerstein zum Ausdruck: „Historische Systeme sind aber genau das – historisch. Sie beginnen zu existieren und hören letztendlich auf zu existieren als Folge interner Prozesse, in denen die Verschärfung der internen Widersprüche zu einer Strukturkrise führt.“(2) Die großen geschichtlichen Mutationen melden sich außerdem selten im voraus an, sie betreten die geschichtliche Bühne meist, ohne vorher an die Tür zu klopfen, wie Schumpeter Ende der zwanziger Jahre bemerkte: „Die Tendenzen, die das soziale Leben umgestalten, gleichen einem verborgenen Feuer, das unter einer Oberfläche lange Zeit fortbrennen kann, ohne daß man es merkt.“(3)
Auf jeden Fall teile ich nicht die weitverbreitete Meinung, daß Widerstand gegen Unterdrückung, Entfremdung und Zerstörung endgültig zur Vergangenheit gehört und perspektiv- und chancenlos geworden ist. Selbst ein Vertreter des bürgerlichen Denkens wie Galbraith gibt zu: „Wir können als gegeben hinnehmen, daß nahezu jede Manifestation der Macht eine gegenläufige, wenngleich nicht unbedingt gleich starke Macht hervorruft. Jeder Versuch, Menschen dazu zu zwingen, sich dem Willen anderer zu beugen, wird über kurz oder lang mit der einen oder anderen Form von Widerstand konfrontiert werden.“(4)
Allerdings wird die Befreiung der Menschheit vom Kapitalismus nicht durch die subjektlose Entwicklung des Weltgeistes oder der Produktivkräfte erfolgen, wie die auf Hegel und Marx gründenden Theorien immer behauptet haben. Ohne ein Subjekt, das beschließt, sich gegen die unmenschlich und irrational gewordene Geschichte zur Wehr zu setzen, kann die kapitalistische Geschichte zu einer unendlichen Geschichte werden. Es wird keine Negation der Negation geben, nur weil Theorien besagen, daß die Dialektik der Geschichte von selbst dafür sorgen wird, das klassenlose Paradies auf Erden herbeizuzaubern. Oder mit den Worten von André Gorz: „Die Revolution, die in der praktischen Selbstreflexion auf dem Sinn unserer Tätigkeiten liegt, diese reflexive Revolution wird uns von keiner historischen Notwendigkeit vorgeschrieben.“(5)
„Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte“, heißt es bei Marx und Engels.(6) Aber wissenschaftliche Erkenntnis der Geschichte reicht nicht aus, um von ihr Besitz zu ergreifen und sie in die Dienste der Emanzipation zu stellen. Ohne den aktiven und bewußten Einsatz des Subjekts wird es keine geschichtliche Umwälzung in emanzipatorischem Sinn geben. Die geschichtliche Realität wird nie „per se“ eines Tages rational, wie Hegel, aber auch Marx meinte; sie kann es erst werden, wenn das Subjekt mit Erfolg versucht, sie zu verändern. Man muß sich tatsächlich davor hüten, die dialektische Entwicklung der Geschichte in apologetischem, erbaulichem Sinn auszulegen. Zwar steht die Geschichte nie still, aber ihre Dynamik bedeutet keineswegs, daß sie langfristig zum Sieg der Vernunft führen muß. Sie bringt oft Regression und Involution. Es gibt keine teleologischen oder „objektiven“ Gesetzmäßigkeiten, die einen emanzipatorischen Verlauf des historischen Werdens garantieren. Anders zu denken bedeutet, in ideologischen Kategorien und Mythen zu denken. Die Geschichte ist kein „deus ex machina“, der sich selbst konstruiert; sie wird durch das Eingreifen des Menschen mitkonstruiert beziehungsweise dekonstruiert und rekonstruiert. Marx hat diesen subjektiven Faktor – die Freiheit – keineswegs geleugnet, ihn sogar hervorgehoben, aber ihn durch die Hypostasierung der Selbstkonstruktion der Geschichte automatisch relativiert und unterbewertet. Den Vorrang behält bei ihm auf jeden Fall das Objektive. Ideengeschichtlich ist Marx der direkte Antipode von Fichtes absolutem Ich.
Der Befreiungsprozeß muß im Innern des Subjekts selbst einsetzen. Gerade weil das Proletariat diese Voraussetzung mißachtete und seine Befreiung mit der Entfaltung der Produktionskräfte gleichsetzte, ist es ihm nicht gelungen, sich von der kapitalistischen Herrschaft zu lösen, wie Guy Debord unterstreicht: „Gerade die deterministisch-wissenschaftliche Seite im Marxschen Denken war die Bresche, durch die der Prozeß der ‚Ideologisierung‘ noch zu seinen Lebzeiten eindrang, und um so mehr in das der Arbeiterbewegung hinterlassene theoretische Erbe.“(7) Dieses Vertrauen auf die Automatik der Geschichte war auch die Quelle für den Opportunismus und Reformismus der II. Internationale und die verlogene, Pseudorevolutionäre Haltung der III. Internationale.
Auch wenn Hegel von der Idee und Marx von der Materie ausgeht: Beide sind der Ansicht, daß das Heil aus dem geschichtlichen Prozeß entstehen wird. Hegel spricht von der Entfaltung des Weltgeistes, Marx von der Entwicklung der Produktivkräfte. Das tragende Prinzip ist jedoch bei beiden dasselbe. Deshalb faßt Hegel das Reelle als das Vernünftige und umgekehrt auf, deshalb sieht Marx die Heraufkunft der klassenlosen Gesellschaft als Endprodukt der kapitalistischen Entwicklung. Adorno: „Es ging um die Vergottung der Geschichte, auch bei den atheistischen Hegelianern Marx und Engels.“(8) Oder auch Gramsci: „Anscheinend konnte Marx sich niemals gänzlich von der hegelianischen Geschichtsidee befreien, derzufolge bei der Menschheit verschiedene Epochen einander ablösen.“(9) Gewiß, am Ende dieses geschichtlichen Werdens wartet die ersehnte Befreiung, aber solange die Dialektik der Geschichte noch nicht soweit ist, gilt es, jede spontane, voreilige, überstürzte und „unzeitgemäße“ Initiative zu vermeiden, denn gerade sie – so die Theorie – könnte ja den Erlösungsprozeß gefährden. Daher auch die scholastischen Dispute, die orthodoxe und unorthodoxe Marxisten fortwährend über die Opportunität der jeweiligen Aktionen geführt haben.
Man hat vorwiegend den negativ-subversiven Charakter der Hegelschen-Marxschen Dialektik hervorgehoben und kaum ihre hintergründigen positivistischen Züge beachtet. Da, Marx zufolge, alles mit der „Notwendigkeit eines Naturprozesses“ vorbestimmt ist,(10) bleibt wenig freier Raum für den schöpferischen und normativen Einsatz des Subjekts. Wahre, tiefgreifende Revolutionen können weder organisiert noch improvisiert werden, denn ihr Ausgang hängt letztlich von einer objektiven Gesetzmäßigkeit ab, die stärker ist als der Wille der Einzelsubjekte. Das ist der Kern von Marx’ Auffassung. Entsprechend besteht die primäre Aufgabe des Proletariats darin, geduldig auf den gesellschaftlich-geschichtlichen Reifungsprozeß zu warten, der dann den Übergang zur klassenlosen Gesellschaft ermöglichen soll. Alles andere ist Voluntarismus, Revoluzzertum und blinder Aktionismus. Daher auch die zentrale Rolle, die die Hermeneutik in der marxistischen Bewegung gespielt hat.
Wir behaupten keineswegs, daß die siegreiche Konfrontation mit dem Kapitalismus ausschließlich von der subjektiven Aktion abhängt. Wir sagen lediglich, daß die objektiven Verhältnisse der Geschichte nie allein und von selbst zu einer Aufhebung der kapitalistischen Herrschaft führen werden. Um wieder mit André Gorz zu sprechen: „Wir werden nicht durch einen materiellen Determinismus und gleichsam ohne unser Mittun befreit werden. Das in einem historischen Prozeß enthaltene Befreiungspotential aktualisiert sich nur, wenn es von den Menschen zu ihrer Befreiung ergriffen wird.“(11) Der Vorwurf des Objektivismus, den schon Kierkegaard gegen Hegel erhob, trifft genauso auf Marx zu, auch wenn er sich auf konkrete Menschen als Hauptakteure der Befreiung berief. Daher auch die von Wolfgang Fritz Haug festgestellte Zweideutigkeit der Marxschen Konzeption: „Die Marxsche Theorie scheint oft zu schielen zwischen Anleitung zur Veränderung der Verhältnisse und Ableitung ihrer Entwicklung aufgrund objektiver, in ihren Auswirkungen vom Handeln unbeeinflußbarer Gesetze.“(12)
Marx verwarf zwar die idealistische Metaphysik Hegels, aber auch sein geschichtsmaterialistisches Denkschema ist nicht frei von Metaphysik. Denn das, was der Atheist Marx konstruierte, ist letztendlich eine Art Religion ohne Gott, mit dem Unterschied, daß sie nicht für die Gegenwart gilt, sondern auf die Zukunft projiziert ist. Oder anders ausgedrückt: Die vertikale Transzendenz des Christentums wird durch die horizontale Transzendenz der Geschichte ersetzt. Marx rühmte sich, mit seiner dialektischen Methode das von der Realität abgespaltene Denken überwunden und ein ideologiefreies Denksystem entwickelt zu haben. Doch in Wirklichkeit widerstand er der Versuchung, Ideologie zu produzieren, nicht. Das gilt um so mehr für Engels und für die ganze Marx-Engelssche „Nachkommenschaft“. Der neue Gott, den man anbeten muß, ist die Dialektik der Geschichte. Die Mystik der Geschichte übernimmt Marx von Hegel, sie stammt aber keineswegs von
Hegel. Sie findet sich schon in theologischem Kontext bei Meister Eckart und vor allem bei Jakob Boehme klar formuliert. Für beide ist Gott „Werden“. Er ist nicht, sondern wird erst durch die Entwicklung der Welt und durch Vermittlung des Menschen hienieden. Aber Hegel wird auch vom neuplatonischen Emanatismus beeinflußt. Deshalb wird Hegel von Feuerbach als der „deutsche Proklus“ bezeichnet: „Die ‚absolute Philosophie‘ ist die wiedergeborene alexandrinische Philosophie.“(13) Der Beitrag Hegels besteht darin, den ekstatischen Emanatismus des Neuplatonismus mit dem dynamischen Prinzip der bürgerlichen Ideologie zu ergänzen und zu vertiefen. Die Menschheit ist zuerst von Gott entfremdet, versöhnt sich später mit ihm durch die Entwicklung des Weltgeistes beziehungsweise der Idee.
Der Kern der Hegelschen-Marxschen Konzeption ist letztlich Geschichtspositivismus. Sie ist nur insofern dialektisch, als sie jede statisch-starre Auffassung verwirft und das dynamische Moment des „dia“, „durch“ übernimmt. Aber sie widerspricht sich selbst, indem sie die Dialektik wie einen Götzen verabsolutiert, der am Ende der Geschichte alle Widersprüche überwinden soll, indem sie also die Dialektik ideologisiert. So wird Dialektik zur apologetischen Utopie. Auch hier bleibt Marx Hegelianer: Während Hegel die erlösende Synthese als die Versöhnung zwischen Mensch und Gott begreift, ist bei Marx die Aufhebung des Widerspruchs zwischen Individuum und Gattung die klassenlose Gesellschaft oder das Reich der Freiheit.
Geschichtsapologetik bedeutet: Die Geschichte hat an sich einen Sinn, was angesichts des blutigen Verlaufs des Weltgeschehens wie ein Treppenwitz klingt. Und dennoch: Das ist der Ausgangspunkt der Hegelschen-Marxschen Konzeption. Maurice Merleau-Ponty ist nicht der einzige, der den Marxisten vorgeworfen hat, die Dialektik mit „dem bürgerlichen Optimismus über Fortschritt“ zu verwechseln.(14)
Anmerkungen:
1 Peter L. Berger, Der Zwang zur Häresie. Religion in der pluralistischen Gesellschaft, Frankfurt 1980, S. 23
2 Immanuel Wallerstein, Der historische Kapitalismus, a.a.O., S. 79
3 Joseph A. Schumpeter, Aufsätze zur Tagespolitik, Tübingen 1993, S. 194
4 John Kenneth Galbraith, Anatomie der Macht, München 1987, S. 101
5 André Gorz, Kritik der ökonomischen Vernunft, a.a.O., S. 141
6 Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW, 3. Band, Berlin 1969, S.18
7 Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, a.a.O., S. 41
8 Theodor Adorno, Gesammelte Schriften, 6. Band, Frankfurt 1973, S. 315
9 Antonio Gramsci, Gefängnishefte, 3. Band, a.a.O., S. 486
10 Karl Marx, Das Kapital, MEW, 23. Bd., Berlin 1965, S. 199
11 Andre Gorz, Kritik der ökonomischen Vernunft, a.a.O., S. 259
12 Wolfgang Fritz Haug, Kritik der Warenästhetik, Frankfurt 8197l, S. 66
13 Ludwig Feuerbach, Philosophische Kritiken … a.a.O., S. 242
14 Maurice Merleau-Ponty, Les aventures de la dialectique, Paris 1955, S. 49

Teil 2Teil 3

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
Dieser Beitrag wurde unter Éthnos, Bewußtsein, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Wirtschafts-Leben, Zum Aufwachen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Dialektik der Befreiung – Teil 1

  1. Nachdem die Menschen mit der bürgerlichen Revolution gelernt haben, sich immer wieder gemeinsam von aktueller, äußerlich sichtbarer Ausbeutung und Unterdrückung durch einzelne Tyrannen zu befreien, werden sie nun bald auch entdecken, wie sie sich auch noch von ihrer verinnerlichten Unterdrücktheit und Aufgehetztheit befreien können, die bis jetzt den Teufelskreis ihrer gegenseitigen Bekämpfung, Kränkung, Unterdrückung und Ausbeutung immer weiter am Laufen gehalten hat. Die bürgerliche Revolution war die soziale Revolution der Menschheitsgeschichte. Fällig ist nun die psychische Revolution, die uns endgültig von dressierten Affen zu freien Menschen machen wird. Das ist alles sehr schön einfach. Deshalb mag sich die fällige eigentliche große Menschheitsrevolution lange hinauszögern, aber sie wird dann umso plötzlicher der endgültige große Durchbruch der menschlichen Natur sein, indem sich die menschliche Intelligenz selbst entfesselt, dadurch, dass alle Menschen entdecken, warum sie keine Angst voreinander haben müssen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s