Walter Jens ist gestorben

Soeben erfahren wir aus der Presse:

Walter Jens ist im Alter von 90 Jahren am Sonntagabend in Tübingen gestorben.

Wir werden ihn immer dankend in Erinnerung behalten.

jens
Zu seinem Gedenken zwei Artikel von Prof. Peter Kern
aus „Haus des Verstehens“

Walter Jens zum 90. Geburtstag

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG erinnert Stephan Speicher an den 90. Geburtstag von Walter Jens, den dieser am 08. März begehen konnte. Der Titel des Geburtstagsgrußes lautete: „Der Prediger der Vernunft“. Diese Formel ist einem früheren Geburtstagsstrauß entnommen. Wolfgang Koeppen benutzte sie aus Anlass des 60. Geburtstages von Walter Jens 1983.
Ist das eine gelungene Formel, Walter Jens als Prediger der Vernunft?
Gewiss, der Protestant Jens war in seinen gesunden Tagen auch ein Prediger. Mit den theoretischen Grundlagen des Christentums war er beeindruckend vertraut. Er übersetzte die vier Evangelien neu, den Brief des Paulus an die Römer und die Offenbarung des Johannes. Eine Sammlung seiner Reden betitelte Jens „Kanzel und Katheder“, 1984. Sauber unterschied er dort Proklamationen von Gedenkansprachen und diese wiederum von Predigten. Seine „Republikanischen Reden“, 1979 veröffentlicht, lässt der viel gerühmte Rhetor aus Tübingen mit einem Text beginnen, den er auf dem Deutschen Pfarrertag 1976 vortrug: „Die christliche Predigt“.
Dort erinnert Walter Jens an die Lutherische These, dass Pfarramt so viel wie Predigtamt heiße. Predigen sei Kanzelreden, sei die Verkündigung des Gotteswortes von der Kanzel. Auf der Kanzel werde durch die Predigt das Reden über Gott zur göttlichen Rede. Praedicatio verbi dei est verbum dei – durch den Prediger spricht Gott.
„Der Welt zugewandt, weist“ der Prediger „sie ab, beleuchtet das Leben von Gott her, höhlt die Wirklichkeit aus, das Humane und die Sozietät, da sie keine Wirklichkeit sei, gibt Zeugnis von der ganz anderen Welt, leugnet Vermittlungen zwischen Himmel und Erde, zeigt die Distanz, trennt, statt zu verbinden, verweigert die erwartete Hilfe – nur wo Gräber sind, sagt er, ist Auferstehung -, verzichtet auf Mission und Pädagogik, auf Erbauung und irdischen Trost: Lebenshilfe mögen andere geben, die sich auf Ratschläge besser verstehen – er sei kein Dorfweiser, sondern ein Prediger, der, christozentrisch und nicht anthropozentrisch sprechend, nur eine einzige Aufgabe habe: Den zu verkünden, der durch ihn spricht. Das allein sei seines Amtes.“ (S.17f.) So skizziert Walter Jens das herrschende Idealbild des evangelischen Kanzelredners. Dass er daran seine Korrekturen vornehmen wird, sei notiert.
Wenn das alles zutrifft, stimmt dann die Formel vom „Prediger der Vernunft“ noch? Nein. Sie ist rundheraus falsch. „Vernunft“ ist ein Terminus der Aufklärung. „Vernunft“ hält sich seither nicht mehr auf im Horizont einer Offenbarungstheologie mit ihren Dogmen. Durch die Vernunft spricht nicht, theozentrisch, Gott, sondern, anthropozentrisch, der Mensch selbst zum Menschen. Er vernimmt Vernunft, die er nicht länger als Stimme Gottes deuten muss.
Vernunft predigen ist ein hölzernes Eisen; ein Widerspruch in sich selbst, es sei, man nimmt das Wort „predigen“ umgangssprachlich als „ jemandem ins Gewissen“ reden. Aber auch dann bleibt die Formel falsch, jetzt nicht in inhaltlicher, sondern in methodischer Hinsicht. Denn die Ermahnung zur Vernunft verhallt ins Nichts. Vernunft ist nicht lehrbar. Vernunft will geweckt werden in originalen Begegnungssituationen zwischen Menschen. Dann, und nur dann, taugt sie für die Praxis, hier und heute und nicht erst am „Jüngsten Tag“.
Nicht nur vor dem Pershing-Depot in Mutlangen bewährte sich die aufgeklärte Vernunft eines Walter Jens im Widerstand gegen Ungerechtigkeit und globale Bedrohung. Dass er die Vernunft als gläubiger Christ metaphysisch deutete, ist nicht zwingend. Auch eine metaphysisch offene Anthropologie eröffnet die Möglichkeit eines humanen Engagements.
Seit 2004 lebt der heute 90jährige in anderen Wahrheitsräumen. Er ist dement.
Originaltext

Talmi des Wissens

Dem Talmi des Wissens den Vorrang vor Authentizität und Integrität zu geben, ist das Schicksal vieler Intellektueller.
Manche Pflegerin eines Demenzkranken versteht mehr vom Leben als der mit Wissen vollgestopfte Kranke je in gesunden Tagen wusste.
Tilmann Jens hat mit seinem Buch „Demenz“  den Verlust der Sprachkompetenz seines Vaters, des ehemaligen Rhetorikprofessors Walter Jens, öffentlich gemacht. Dieser Bericht ist ein erschütterndes und zugleich aufschlussreiches Dokument darüber, dass die Würde des Menschen nicht an seine geistig-intellektuellen Fähigkeiten allein gekoppelt ist.
Walter Jens, der in gesundem Zustand antizipierte, dass er als dementer Mensch kein „Ich“ mehr sei und damit kein „Du“ für den Anderen, sondern nur noch ein „Es“, kein „denkendes Wesen“ mehr, sondern nur noch ein „zuckendes Muskelpaket“ und deshalb „rechtzeitig“ sterben wollte, lebt heute, 90 Jahre alt, als hochgradig dementer Mensch.
Und gerade als dieser wird er für seinen Sohn zu einer herausfordernden Erfahrung: „Der Vater, den ich kannte, der ist lang schon gegangen…Aber jetzt, da er fort ist, habe ich einen ganz anderen Vater entdeckt, einen kreatürlichen Vater – einen Vater, der einfach nur lacht, wenn er mich sieht, der sehr viel weint und sich Minuten später über ein Stück Kuchen, ein Glas Kirschsaft freuen kann.“
Möglich wird dieses neue Leben des Walter Jens durch Frau Margit Hespler, eine, wie der Sohn schreibt, „robuste Bäuerin“, also keine ausgebildete Pflegerin und schon gar keine Intellektuelle.
Als sie ins Haus der Familie Jens kommt, ereignet sich etwas Herausragendes. Der Sohn notiert: „Binnen weniger Tage ändert sich das Leben meines Vaters von Grund auf. Er hat nun einen höchst emotionalen Bezugspunkt. Eine Gefährtin, die nicht notgedrungen traurig ist, weil die vertrauten Gespräche, die Fundament einer langen Ehe waren, verstummt sind, sondern den Kerl, so wie er ist, ganz einfach gern hat. Sie führt ihn aus, sie gehen einkaufen, die beiden schaffen sich bald ihre eigenen Rituale. Ob er nun brav war oder sie wieder einmal beschimpft hat: Er weiß, am Ende des Tages wird es beim Metzger ein Wurstweckle geben. Sie hat keine Scheu, sie wäscht ihn, zieht ihn an, sie verwaltet seine Tabletten, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, auch wenn er tobt.“
Tilmann Jens: Demenz. Abschied von meinem Vater. Gütersloh 2009
Walter Jens: Menschenwürdig sterben. Ein Plädoyer für Selbstverantwortung. Mit Hans Küng. München/Zürich 1996. Erweiterte und aktualisierte Taschenbuchausgabe 2010.
Originaltext

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
Dieser Beitrag wurde unter Éthnos, Bücher, Bewußtsein, Kultur-Leben, Menschenwürde, Soziales Leben veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s