Am deutschen Wesen

aus „German Foreign Policy“
BERLIN – Eine aktuelle Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung bestätigt den finanziellen Nutzen des Euro für Deutschland. Der Analyse zufolge kann die Bundesrepublik dank der EU-Einheitswährung in den nächsten zwölf Jahren einen volkswirtschaftlichen Profit von rund 1,2 Billionen Euro erwarten, auf den sie mit der D-Mark verzichten müsste. Insbesondere könne sie hoffen, im Jahr 2025 ein um bis zu 170 Milliarden Euro höheres Bruttoinlandsprodukt zu schaffen als ohne die europäische Währung. Gleichzeitig weisen Kritiker – zum wiederholten Male – darauf hin, dass der maßgeblich nach deutschen Plänen geformte Euro zwar der Bundesrepublik Vorteile garantiert, diese aber strukturell nicht auf alle Länder der Eurozone übertragbar sind. So urteilt der Wirtschaftswissenschaftler Mark Blyth in der renommierten US-Fachzeitschrift Foreign Affairs, es sei schlicht unmöglich, dass alle EU-Staaten das lukrative deutsche Exportmodell nachahmten – es gebe dann ja nicht genügend Käufer. Scharfe Kritik hat zuletzt auch der französische Publizist Luc Rosenzweig geäußert. Mit dem Amtsantritt der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 1998 habe die Bundesrepublik begonnen, ihre Interessen international hart und ohne Rücksichten durchzusetzen – bis hin zu den aktuellen Spardiktaten, schreibt Rosenzweig und vergleicht das aktuelle Auftreten Berlins mit der Machtpolitik des Deutschen Kaiserreichs. …
Überwachen und strafen
Dabei weist Rosenzweig darauf hin, dass „der wirkliche Bruch“, der die offene deutsche Dominanz in der EU mit sich brachte, mit dem Amtsantritt der Regierung Schröder/Fischer 1998 erfolgte. Der SPD-Kanzler habe gemeinsam mit seinem grünen Außenminister nicht nur „das Tabu militärischer Zurückhaltung“ gebrochen, sondern auch der deutschen Industrie mit aggressiver Austeritätspolitik („Hartz IV“) zur Durchsetzung gegenüber auswärtiger Konkurrenz verholfen. „Die ökonomischen und geopolitischen Interessen Berlins“ seien unter Schröder „wirkungsvoll durchgesetzt“ worden, schreibt Rosenzweig: Die osteuropäischen Staaten wurden „wurden ökonomisch von Deutschland abhängig, mit Putins Russland wurde eine Energiepartnerschaft eingegangen, in den Institutionen der Europäischen Union wurden die deutschen Interessen mit aller Härte verteidigt“. Ähnliches konstatierte bereits letztes Jahr der ehemalige EU-Kommissar António Vitorino (german-foreign-policy.com berichtete). Kanzlerin Merkel habe die deutsche Interessendurchsetzung auch in der Krise mit den Berliner Spardiktaten weitergeführt, resümiert Rosenzweig. Selbst ein – zur Zeit eher unwahrscheinlicher – Regierungswechsel im Herbst werde „das neue Deutschland nicht verändern, das (…) die anderen Europäer überwacht und manchmal straft“.
Tödliche Medizin
„Zu den Zeiten, als Deutschland seinen Partnern noch ein liebenswürdiges Gesicht zeigen wollte“, habe „der aus der Bismarck-Epoche stammende Spruch ‚Am deutschen Wesen soll die Welt genesen‘ als üble Nachrede“ gegolten, hält Rosenzweig fest – und warnt: „Heute ist das Schlagwort zurück“. Überdies kümmere man sich heute „wenig darum, ob den kranken Patienten“ in der Euro-Krise mit den Berliner Spardiktaten nicht vielleicht sogar „eine tödliche Medizin verabreicht wird“.
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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