Die rote Birne des Uli Hoeneß

Glosse von Wolfgang Blaschka aus „isw“
Es gibt nur „ein’n Rudi Völler“, vielleicht auch drei Rainer Kallmund (was Körperfülle und Unterhaltungswert anbelangt), aber auf jeden Fall mindestens zwei Uli Hoeneß: Den einen, der als „Mann des Volkes“ mit Zornesröte im Gesicht die Sauberkeit nicht nur im Sport, sondern auch beim Steuerzahlen anmahnt, der „gute Mensch von Untergiesing“, der hart an der Grenze zum besser situierten Harlaching sein warmes Herz wie ein ewiges Licht leuchten lässt gegen die Kälte des seelenlosen Managements, „unser“ Uli, der in Not geratenen Vereinen wie St. Pauli schon mal mit Benefizspielen unter die Arme greift und Dortmund sogar Kredit gewährte, der aufgeht wie ein glühender Vulkan vor Erregung über ein schönes Tor und sich nicht einkriegt vor Verachtung über Steuersünder, Finanzjongleure und asoziale Millionäre, – und den anderen, den fiebrigen Zocker auf den roten Rängen mit dem handygroßen Pager, den er im Stadion noch gebannter als das Spiel ins Visier nimmt, um Aktienkurse und Devisenstände in Echtzeit zu verfolgen, der in seiner pittoresken Bauernhausvilla am Tegernsee drei Telefone bereit hält (eins für Privatgespräche und zwei für Finanztransaktionen), um seine Millionengeschäfte in der Schweiz zu koordinieren und sein Wurstimperium in Franken zu dirigieren, und der so ein klitze-kleines Bisschen zu clever sein wollte, als dass es gerade noch legal gewesen wäre, sodass nun selbst die Kanzlerin enttäuscht ist von ihm, was sie freilich nur sein kann, wenn sie sich vorher bereitwillig täuschen hat lassen. Vielleicht glaubte sie in der echauffiert roten Birne Papa Kohl wiederzuerkennen. Sie leuchtete so selbstlos. Hat sie das auf die „Energiewende“ gebracht?
Es hatte der Angela doch sehr imponiert, dass ein Mensch wie er, dieser umgängliche und emotionale Typ, ein ehemaliger Spieler, der schnellste Stürmer überhaupt, ausgebremst nur durch Berufs-Invalidität, nun gesattelt als Präsident und bestallt zum Aufsichtsratsvorsitzenden diesen seinen FC Bayern zum reichsten Fußballverein der Welt machen wollte. Denn solche noch dazu deutsche Weltmeisterei findet sie toll, und so riss sie bei jedem Tor die Arme zum Jubel empor und pumpte sich hoch in die naivste Begeisterung für die Kicker auf dem Rasen, ganz ehrlich. Dass das eigentliche Millionenspiel im Hintergrund abrollte und nicht auf dem Spielfeld, fiel ihr nicht auf, so wie sie auch nicht fragte, wie es denn kommt und sein kann, dass der Deutsche Bank-Chef Ackermann für sie eine Fete organisiert hatte. Großes Geld betört nun mal; und wen der Nimbus der Wohlhabenheit umweht, den hält man gern für seriös, weil ja auch das Etikett in seinem Jackett nicht unbedingt gefälscht ist. Den hält man „too big to fail“, also auch zu groß um Fehler zu machen.
Das erwartbare Erwischtwerden kam wie aus dem Nichts: Ein Knall, ein Fall, kein Rettungsschirm!
Nun trifft es freilich nicht nur die Kanzlerin, sich getäuscht zu sehen, sondern mit ihr fast die halbe Nation. Ein Schreck, ein Schock, ein Hammerschlag! Die Presse dieser Tage ist so gut wie komplett ein einziger Entsetzensschrei über die Ruchlosigkeit des Uli Hoeneß. Als wäre das eine Überraschung, dass reiche Leute Steuern sparen, wo es nur irgend geht.
Ausgerechnet in dem Moment, wo der Fußballclub zu seiner historischen Höchstform aufläuft, platzte die Bombe: Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung, um endlich doch noch „ins Reine zu kommen“! War aber schon zu spät: Hausdurchsuchung, sogar vorübergehende Festnahme. Anscheinend waren die Angaben unvollständig, oder es lief bereits ein Ermittlungsverfahren.
Der Mann musste sich zweimal die Woche melden bei den Behörden und darf nur noch in die Allianz-Arena, nachdem er 5 Millionen Euro Kaution hinterlegt hat, die er seinerseits als Abschlagszahlung für noch zu entrichtende Steuerschulden auszugeben versuchte, um sich als zu Unrecht verkannten Ehrlichmacher darzustellen. Und selbst da hat er noch gezockt auf Teufel komm raus: Denn ursprünglich wollte das Finanzamt glatte 7 Millionen sehen, sonst wäre er gleich in den Knast gewandert. Verdunkelungs- und Fluchtgefahr bestand dennoch nicht bei dieser glühenden Birne, obwohl er noch ein Haus in der Schweiz besitzt, und derzeit Leute gesucht werden, die sich auf den Mars schießen lassen ohne Rückflugticket, um dort eine extraterrestrische Steueroase einzurichten. Man hätte ihn überall leuchten gesehen.
Dabei hätte alles so glimpflich ausgehen können, wenn das Steuerabkommen mit der Schweiz geklappt hätte, so wie es die Bundeskanzlerin und ihr Finanzminister vorgesehen hatten: Pauschal und günstig hätte seine Vontobel-Bank in Zürich für ihn die Sache geregelt, zwar in seinem Namen, jedoch ohne diesen zu nennen, total anonym also. Da hat der Uli wohl zum ersten Mal im Leben auf die SPD vertraut, und dann das: Haben doch die sozialdemokratisch geführten Bundesländer einfach mal nicht so mitgespielt wie sonst immer! Unter Seehofer hätte das nicht passieren dürfen. Selbst als sich im November abzeichnete, dass der Bundesrat diese Teilsteuerbefreiung für Superreiche doch nicht abnicken würde wie erhofft, wollte er im Dezember noch immer nicht vorbauen, sondern wartete bis in den Januar hinein, um noch ein Jährchen Steuern zu sparen. Zu lange offensichtlich. Wegen der paar zehntausend Euro! Dumm, dumm, dumm.
Gelungenenfalls hätte er weiterhin als cleverer Manager gegolten, der aus seinen 20 Millionen Startkapital, gesponsort vom Ex-Chef des Sportklamotten-Herstellers Adidas, und gewiss nicht ohne Erwartung lukrativer Verträge mit dem Meisterverein, exorbitante Gewinne „erwirtschaftet“ hat. Gut, früher hat er auch mal mit Devisengeschäften in den Dreck gelangt, musste „geholfen werden“, aber später habe er immer nur mit „konservativen Werten“ gehandelt, also sich mit dem Ausfluss der Arbeitsleistung von Belegschaften großer Konzerne bereichert. Geld an sich stinkt ja nicht, und normale Ausbeutung ist total legal, dachte sich Uli Hoeneß, der „Anwalt des kleinen Mannes“, die Lichtgestalt unter den fußballerischen Lichtgestalten, Franz Beckenbauer explizit ausgenommen. Es war noch nicht einmal Schwarzgeld, angeblich korrekt versteuert, bis es in die Schweiz gelangte, wo es dem deutschen Fiskus auf immer entzogen geblieben wäre, hätte nicht die Diskretion Löcher bekommen wie ein Emmentaler. Seit dem Ankauf der Steuer-CDs war’s vorbei mit den unentdeckten Schlupflöchern. Um 4 Millionen hatte ein Eidgenosse deutschen Steuerfahndern das Beweismaterial für bislang 500 Millionen Nachversteuerung verkauft. Das war die rote Karte, die Warnlampe blinkte so rot wie vermutlich auch der Kopf des Ertappten, der so schlau sein wollte und doch nicht war.
Jetzt schämt sich der Uli und steht da wie die armen Würstchen aus seiner eigenen Produktion: „Ich habe einen Fehler gemacht“. Nun halten sie auf Abstand, seine Sponsoren und Geschäftspartner: Telekom und Audi, zum VW-Konzern gehörig und mithin zu Großanteilen in Staatsbesitz, geben sich bedeckt und lassen die Causa Hoeneß und das Thema Steuerhinterziehung fallen wie eine zu heiße Wurstsemmel. Der allzu simple mittelständische „Nürnberger“, diese ureigenste Hoeneß-Kreation aus drei Bratwürsten zwischen zwei Brötchenhälften, vielleicht als subtile Hommage an den Geschäftspartner Adidas mit seinen drei Streifen gedacht, scheint nicht mehr zu schmecken. Steuerbetrug im großen Maßstab gilt ihnen dann wohl doch (noch) nicht als voll gesellschaftsfähig, zumindest der Öffentlichkeit gegenüber. Damit möchte man lieber nichts zu tun haben.
In den Ruch von Wirtschaftsverbrechen will niemand geraten, der ihrer eventuell ebenfalls verdächtigt werden könnte. Ende der Freundschaft. Die trotzige Ankündigung, an den Posten im FC Bayern kleben bleiben zu wollen, klingt nach frühem Wulff, seinerzeitigem Ex-Präsidenten Kollegen.
Tja, alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Nun ist der Metzgerssohn und Wurstfabrikant, der bei 60 Millionen Jahresumsatz neben Supermarktketten auch das feine Käferzelt auf dem Oktoberfest beliefern darf, quasi selbst schlachtreif und zum Verzehr freigegeben. Aber niemand möchte mehr so herzhaft hineinbeißen in den Mann mit den zwei Gesichtern, der zu allem seinen Senf gab, bloß nicht zu seiner eigenen Spielsucht, die er aus seiner aktiven Sportlerzeit in die Funktionärskarriere hinübergerettet und ins Pekuniäre transferiert hatte, in rentierliche Geschäfte, deren Erträge er partout nicht deklarieren mochte. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. So ist das mit neureichen Emporkömmlingen.
Viele Fans ficht das nicht an. Sie jubeln über die aktuellen Bayern-Tore, als hätte sie Uli selbst geschossen. Doch für ihn ist nun erstmal Abpfiff angesagt. Abseits. Grobes Foul.
Handspiel mit Eigentor. Rote Karte. „Aus, aus! Aauuus!!! Bayern ist (wieder nicht) Weltmeister!“ Blöd gelaufen. Uli fährt eventuell ein, wenn er verurteilt wird, denn die Beträge, um die es geht, sind einfach zu hoch für Geld- oder Bewährungsstrafen. Bald muss eine neue Sau her, um sie durchs Dorf zu jagen.
Die Bundesliga mit ihrem 2-Milliarden-Umsatz muss unbedingt weiter laufen wie geschmiert. Und das Finanzmarktgetriebe auch. Und auch Fragen nach dem durchkommerzialisierten Sport sollten nicht aufkommen. Und keinesfalls ein Zweifel am Aktienhandel generell. Und am System der Ausbeutung schon gar nicht. Ja, Frau Merkel, das ist wirklich alles eher traurig und „enttäuschend“. Sie werden weiterhin an die Sauberkeit der Marktwirtschaft glauben müssen und an die Fairness im Profisport. Unbeirrt alternativlos. Aber Mitleid mit Uli?! Also echt: Das wäre der reinste Hoeneß!
Originaltext 

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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