Russlands Entwicklungspfad – Vom Imperium zum Nationalstaat

Dmitri Furman
Übersetzt von Antonina Klokova; aus Eurozine
Die Russländische Föderation ist weder eine echte Demokratie noch ein russischer Nationalstaat. Sie ist ein Überbleibsel des russländischen und sowjetischen Imperiums, das mit autoritärer Macht zusammengehalten wird. Auch das Selbstverständnis der Russen ist noch nicht vollständig dem imperialen und sowjetischen Kokon entschlüpft. Es schwankt zwischen imperialem revanchistischem Chauvinismus, russophober Selbsterniedrigung und Angst vor einem Zerfall von Staat und Nation. Das „Ende der russländischen Geschichte“ wird erst dann erreicht sein, wenn ein echter demokratischer russischer Nationalstaat, der auf imperiale Ambitionen im postsowjetischen Raum verzichtet, Teil der supranationalen europäischen Gemeinschaft geworden ist.
Der Nationalstaat ist – zumindest in Europa – zu einem Standardmodell geworden. Dieses Modell stand bei der Gründung des Deutschen Reichs und des Königreichs Italien Pate. An ihm orientierten sich auch die Unabhängigkeitsbewegungen vieler Völker Mittel- und Südosteuropas, die zum Zerfall des Osmanischen Reiches und Österreich-Ungarns führten. Das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ ist eine der wichtigsten politischen Ideen der Neuzeit. Sie übt eine so große Anziehungskraft aus, weil nicht bestritten werden kann, dass die Forderung gerecht ist, und weil so offensichtlich ist, dass es einen unauflöslichen Zusammenhang zwischen Volkssouveränität und anderen demokratischen Prinzipien gibt.
Wie alle großen Ideen zog auch die des Nationalstaats ein immenses Blutvergießen nach sich, denn ihre Umsetzung setzte den Zusammenbruch von Imperien, das Verschwinden von Staaten und die Entstehung neuer Staaten sowie die Verschiebung von Grenzen voraus. Die Frage, ob eine ethnische Gruppe eine Nation ist und wenn ja, welches Gebiet ihr „nationales Territorium“ umfasst, wird keineswegs in wissenschaftlichen Debatten entschieden. Viele Völker haben mit großem Enthusiasmus und Pathos ihr Selbstbestimmungsrecht proklamiert, eben jenes Recht aber sofort vergessen, wenn es um die Ansprüche anderer Völker oder Volksgruppen ging, die auf dem von ihnen reklamierten Territorium lebten.
Das schrecklichste Beispiel lieferte Hitler-Deutschland, das nahtlos vom Anspruch auf das Selbstbestimmungsrecht für die außerhalb des Deutschen Reichs lebenden deutschen Minderheiten zur Versklavung und Vernichtung anderer Völker überging. Als Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit mag Serbien erwähnt werden, das ein Selbstbestimmungsrecht für die Serben in Kroatien und Bosnien forderte, aber eben jenes Recht für die in Serbien lebenden Kosovaren bestritt. Ähnlich Russland: Den tschetschenischen Separatismus unterdrückte Moskau gewaltsam, gleichzeitig jedoch verteidigte es – ebenfalls mit Gewalt – das Selbstbestimmungsrecht der in Georgien lebenden Osseten und Abchasen.
Seit dem Zerfall Jugoslawiens und der Sowjetunion ist das Prinzip der Nationalstaatlichkeit praktisch überall in Europa verwirklicht. Es gibt kein großes europäisches Volk mehr, das keine eigene Staatlichkeit besitzen würde. Daher verfügt das Nationalstaatsprinzip in Europa nicht mehr über seine einstige Sprengkraft. Auch die traumatische Erinnerung an die Kriege, die zur Umsetzung dieses Prinzips geführt haben, macht es heute weniger virulent. Schließlich erscheint der Nationalstaat nicht mehr als einzige Lösung, weil die Demokratisierung der europäischen Staaten dazu geführt hat, dass Volksgruppen auch in Nationalstaaten sehr viele Rechte besitzen, die nicht ihre eigenen sind, und die europäische Integration die absolute Souveränität der Nationalstaaten ausgehöhlt hat. Für einen schottischen oder katalanischen Nationalstaat können sich heute weit weniger Schotten und Katalanen begeistern als im 19. Jahrhundert Italiener für die Einigung Italiens oder Bulgaren für die Unabhängigkeit Bulgariens. In den demokratischen Staaten Großbritannien und Spanien verfügen die Schotten und Katalanen über eine reale Autonomie; ein unabhängiges Schottland oder Katalonien würde selbstverständlich in die Europäische Union eintreten und die in Brüssel und Straßburg getroffenen Entscheidungen übernehmen. Der Nationalstaat ist somit in Europa zwar noch Standardmodell. Das Modell, auf das die historische Entwicklung zuläuft, ist jedoch nunmehr die Überwindung des Nationalstaats durch eine supranationale europäische Vereinigung. Russland hingegen steckt mitten in einer „nachholenden Entwicklung“. Hier geschieht heute das, was in anderen Ländern im 19. oder frühen 20. Jahrhundert stattfand. Russland muss heute das aufbauen, was die meisten europäischen Staaten bereits errichtet haben oder sogar schon wieder umbauen. Der demokratische Nationalstaat ist für Russland immer noch das Ziel der historischen Entwicklung. Die Russländische Föderation ist weder eine echte Demokratie noch ein russischer Nationalstaat. Sie ist ein Überbleibsel des russländischen und sowjetischen Imperiums, das mit autoritärer Macht – Demokratie wird nur simuliert – zusammengehalten wird. Auch das Selbstverständnis der Russen ist noch nicht vollständig dem imperialen und sowjetischen Kokon entschlüpft. In Geburtswehen wälzt es sich hin und her, schwankt zwischen imperialem revanchistischem Chauvinismus, russophober Selbsterniedrigung und Angst vor einem Zerfall von Staat und Nation.
(…)
Die Russen in Europa, das Ende der russländischen Geschichte
Kommen wir zurück zur Ausgangsthese, dass Russland eine nachholende Entwicklung durchmacht und den europäischen Völkern hinterherhinkt, die sich heute bereits nicht mehr am Modell eines Nationalstaats, sondern an dem einer überstaatlichen, supranationalen Gemeinschaft orientieren. Offenbar ist es nicht möglich, die nationalstaatliche Etappe zu überspringen und sogleich vom Mini-Imperium zu einer supranationalen Vereinigung zu gelangen. Doch ein künftiger russischer Nationalstaat kann nicht von langer Dauer sein. In der jetzigen nachholenden Phase muss Russland die Vektoren seiner historischen Entwicklung neu justieren. Der russische demokratische Nationalstaat kann und muss ein Staat sein, der der supranationalen europäischen Gemeinschaft beitritt. Obwohl die Mehrheit unserer Bevölkerung die Idee eines EU-Beitritts unterstützt,[19] scheint diese Idee gegenwärtig ein reines Phantasieprodukt. Aber auch Ende der 1980er Jahre musste die Prophezeiung, dass die UdSSR in naher Zukunft auseinanderfallen und einige ihrer Republiken wenige Jahre später der EU und der NATO beitreten würden, wie eine realitätsfremde Phantasterei wirken. Der Beitritt zur Europäischen Union wäre eine gewaltige Entschädigung für ein Volk, das zwar nicht imstande ist, europäische Formen politischen Lebens zu entwickeln, sich kulturell aber dennoch an Europa orientiert.[20] Damit würde der russischen Angst vor der Isolation und den russischen Qualen der Identitätsfindung („Sind wir Europäer oder nicht?“) ein Ende gesetzt. Da aber ein EU-Beitritt Russlands unter Ausschluss der Ukraine, von Belarus und Moldova undenkbar ist, würde damit gleichzeitig deren – für die Russen wie für die Völker jener Republiken überaus schmerzvolle – Verwandlung in echtes „Ausland“ umgekehrt.
Dies wäre das Ende der russländischen Geschichte – einer Geschichte der Errichtung, des Zerfalls und des Wiederaufbaus von Imperien, in denen die Russen ihre Rechtlosigkeit damit kompensieren, dass an der Spitze der Macht, die andere Völker unterdrückt, Vertreter ihrer Nation stehen. Es wäre der Beginn einer völlig neuen Geschichte, der Geschichte der Russen, die in einem gesamteuropäischen Haus in ihrer nationalen Wohnung leben, nicht anders als die Franzosen in ihrer französischen, die Schweden in ihrer schwedischen und die Ukrainer in ihrer ukrainischen.
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Volltext als PDF: Russlands Entwicklungspfad

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Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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