Ozeane als Kapital – ODER – Ozeane als Gemeingüter

Widerspruch?

Von Dju aus „3tes-jahrtausend“
Die neoliberale Sichtweise
In der neoliberalen Lesart ist das Problem der Ozeane ein Teil der Tragödie der Gemeingüter (Tragedy of the Commons). Mit dem Begriff – Tragödie der Gemeingüter – umschreiben neoliberale Wissenschaftler ihre These, dass Güter die gemeinschaftlich bewirtschaftet werden, aber nur begrenzt vorhanden sind, übernutzt und ineffizient genutzt werden.
Als Schlussfolgerung ergibt sich daraus in der neoliberalen Sichtweise, die ‘Notwendigkeit’ der Inwertsetzung und Privatisierung der Gemeingüter, um sie zu ‘schützen’, dass heißt als Lösung wird die Umwandlung der Gemeingüter in Kapital propagiert, als Lösungsmodell wird das Gemeingut privatisiert.
Der Eigentümer/die Eigentümerin soll dadurch auf Grund seines/ihres Interesses an der langfristigen Sicherung dieses Kapitals dazu gebracht werden, es vor der Übernutzung zu schützen.
Die neoliberale Theorie der – Tragödie der Gemeingüter – geht dabei von einem sozialdarwinistischem Konkurrenzmodell der Gesellschaft aus, bei dem jede/r versucht, egoistisch den maximalen kurzfristigen Profit aus einem Gut zu ziehen, ohne Rücksicht auf die übergeordneten Interessen der Gemeinschaft. Als ‘Beweis’ für diese Theorie werden Simulationsmodelle aus der Spieltheorie herangezogen (in die die sozialdarwinistische Ideologie, maximaler individueller Vorteilsnahme, bereits als Vorannahme eingeschrieben ist).
Ausgeblendet wird dabei, dass diese Selbstdefinition des Subjektes als konkurrentes Individuum und die Logik der Konkurrenz selbst ein Effekt des Kapitalismus sind, der hier rückwirkend mit ihnen legitimiert wird. Der Kapitalismus formt die Subjekte entsprechend seiner immanenten Logik, sie sind ihm nicht vorgängig.
Mit Hilfe der soziobiologischen Ideologie wird in der neoliberalen Theorie diese gesellschaftliche Subjektformung zur Naturtatsache verklärt.
Dieser Theorieansatz und die spieltheoretischen Modelle erfreuen sich vor allem auf Grund ihrer populistischen Einfachheit großer Beliebtheit in Medien und Öffentlichkeit, außerdem bedienen sie die Interessen großer kapitalkräftiger Investoren, die die Verbreitung dieser Theorien entsprechend fördern, und entsprechen dem banalen Stereotyp der Alltagswahrnehmung in kapitalistischen Konkurrenzverhältnissen.
Dabei sind diese Modelle und insbesondere die Lösungsansätze selbst systemimmanent (im Kapitalismus) falsch. In Zeiten hoher Flexibilität des Kapitals – Stichwort ‘Shareholder Value’ – sind die Besitzer nicht an langfristiger Nutzung, sondern an kurzfristiger Profitmaximierung interessiert. Ist der Wald zerstört, der Acker verbraucht oder das Meer verseucht, wird das gewonnene Kapital umgeschichtet in andere Wirtschaftsbereiche, um dort mit der Profitmaximierung fortzufahren. Zurück bleibt eine soziale und ökologische Wüste.
Und selbst die auf Dauer ausgelegte (nachhaltige) Nutzung im Sinne einer langfristigen Profitmaximierung führt zwar nicht zu Wüsten, aber zu Einöden, statt Urwald existieren dann nur noch Holzplantagen, statt Ozeanen Aquakulturen, usw..
Die profitbestimmte nachhaltige Nutzung zerstört vor allem die Umwelt nachhaltig.
Wissenschaftlich analytische Sichtweise
Aus der wissenschaftlich analytischen Sichtweise, sei es aus den kritischen Sozialwissenschaften, aus marxistischen Theorieansätzen oder aus der modernen Ethnologie u.a, ergibt sich ein sehr viel komplexeres Bild, als das der beschriebenen neoliberalen Lesart.
So ist die – Tragödie der Gemeingüter – für Phasen extrem liberaler kapitalistischer Gesellschaften (Manchesterkapitalismus) zwar historische Realität, für andere Gesellschaften haben Gemeingüter aber teils über Jahrtausende die ressourcenschonende Bewirtschaftung dieser Güter gesichert (z.B. Aborigenes). Das heißt, zu welchem Naturumgang Gemeingüter oder privater Besitz führen steht in einer komplexen Beziehung zur Gesamtorganisation der Gesellschaft und zum Subjekt-Naturverhätnis.
Damit wird es absurd, das Problem auf die Frage des Besitzes oder gar der Inwertsetzung zu fokussieren. Notwendig ist eine Diskussion des Gesamtzusammenhanges Naturverhältnis-Subjekt-Gesellschaft. Also von Realitäten, Naturverhältnis-Subjekt-Gesellschaft, die sich gegenseitig beeinflussen und nicht punktuell verändert werden können. Damit gibt es aber auch keine ‘einfachen’ Stellschrauben mit denen dieses Problem lösbar wäre.
Alternativen
Als eine Alternative zum neoliberalen ‘Lösungsansatz’ der Unterordnung der Natur unter die Kapitallogik stellt dieser Text deshalb eine Verallgemeinerung des Konzeptes der Gemeingüter und des Nießbrauch zur Diskussion.
“Nießbrauch ist das Recht des Gebrauchs an Dingen und des Nutzenziehens unter beibehaltenem Wesen der Dinge. Von entscheidender Bedeutung ist, dass der Nießbraucher die Sache in jeder Weise, die die Schonung ihrer Substanz gestattet, gebrauchen und von ihr Früchte ziehen kann.”
Wieso nicht die Natur und die Ozeane als Teil der Natur als ein Gut betrachten, dass uns als Gemeingut zum Nießbrauch überlassen ist.
Dieser Ansatz beruht auf der Forderung zur Durchsetzung eines veränderten Bewusstseins im Naturumgang. Bewusstsein entsteht aber nicht kontextunabhängig, sondern im Rahmen der Alltagsrealität. Um dieses Bewusstsein zu verankern müßte das Subjekt-Naturverhältnis auch in der Alltags-Arbeits-Realität anders gefasst werden. Außerdem kann ein Bewusstsein nur wirksam werden in einer Realität, die dies ermöglicht.
Das heißt, zusammen mit dem Konzept Gemeingüter und Nißbrauch und einer Veränderung des Bewusstseins muß die Alltags-Realität der Entfremdung der Arbeitsverhältnisse und Produktionsbedingungen in den Blick genommen werden.
Zentral ist der Bezug der Menschen zu den von ihnen durch ihre Arbeit produzierten Produkten und Umweltverhältnissen.
Es geht um die Frage der Verankerung und Ermöglichung verantwortlichen bewussten Alltagshandelns. Unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen z.B. in der Hochseefischerei ist dies aber sicher nicht durchsetzbar.
Grundsätzlich zeigt die Erfahrung, dass Menschen durchaus ein Interesse an der Qualität, der von ihnen hergestellten Produkten entwickeln können bzw. häufig sogar unter kapitalistischen Bedingungen bereits haben. Viele kapitalistische Fabriken würden gar nicht funktionieren ohne die Ausnutzung dieses Interesses an ‘guten’ Produkten, da eine lückenlose Kontrolle der Produktion in der Regel nicht möglich ist. In der Regel sind die kapitalistischen Arbeitsbedingungen aber so strukturiert, dass dieses Interesse zwar instrumentalisiert wird für die Mehrwertabschöpfung, gleichzeitig aber auch diszipliniert wird, dort wo es der Mehrwertabschöpfung entgegensteht. Nur in seltenen Fällen kollektiven selbstbestimmten Widerstandes gegen diese Ausbeutungsbedingungen kann dieses Moment sich voll entfalten.
So streikten in den 20er Jahren des 20ten Jahrhunderts z.B. in Spanien anarchosyndikalistische Mühlenarbeiter erfolgreich gegen die Verunreinigung des Mehls durch die Mühlenbesitzer (Strecken des Mehls), also für ein besseres Produkt im Interesse der Allgemeinheit. Vorraussetzung war aber der hohe anarchosyndikalistische Organisationsgrad und ein Bewusstsein für die Zusammenhänge.
Notwendig ist also eine Bewusstseinsänderung UND eine radikale Änderung der Arbeitsverhältnisse und Besitzstrukturen. Auch das Problem der Ozeane und ihrer Nutzung ist nicht unabhängig von einem radikalen Umsturz der Gesellschafts- und Arbeitsverhältnisse lösbar.
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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Eine Antwort zu Ozeane als Kapital – ODER – Ozeane als Gemeingüter

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