Stichwort »Allmende«

Eine Wort- und Bedeutungsrecherche für unsere Enzyklopädisten

erschienen in Oya – anders denken, anders leben  01/2010

Die etymologische Bedeutung 1 des Worts Allmende 2 ist etwa »allen (Gemeindemitgliedern) (im Wechsel) zukommend« 3. Die älteste bekannte Form ist das althochdeutsche 4 (ala)gimeinida. Das althochdeutsche Wort ala 5 hat sich zu unserem heutigen Wort all entwickelt und bedeutet soviel wie »ganz; umfassend«. Das Wort gimeinida, das sich zu unserem heutigen Gemeinde entwickelt hat, ist eine Bildung zum althochdeutschen Eigenschaftswort gimeini »allgemein; gemeinsam; gemeinschaftlich; übereinstimmend; zugleich; bestimmt; zuteil geworden« und konnte in seiner mittelhochdeutschen Form gemeinde nebst den heutigen auch die Bedeutungen »gemeinschaftlicher Besitz; Anteil« annehmen. Das Wort gimeini nahm in seiner weiteren Entwicklung im mittelhochdeutschen gemein(e) auch die Bedeutungen »gewöhnlich; zur Masse gehörig; niedrig« und weiter bis zu unserem heutigen Wort gemein jene von »niedrig gesinnt; niederträchtig; hinterhältig; rücksichtslos; unanständig, unfein« an 6. Gemein und gimeini sind gebildet aus der Vorsilbe ge/gi, die vom Begriff des Zusammenseins, der Zusammengehörigkeit, der Vereinigung ausgehend verallgemeinert, und dem Wort mein/meini, das sprachwissenschaftlich auf eine indogermanische Wurzel mei/moino mit der Bedeutung »Wechsel; Tausch« zurückgeführt wird 7 und deshalb ursprünglich soviel wie »worin man sich abwechselt; was einem im Wechsel zukommt« bedeutet. Andere Bezeichnungen außerhalb des westoberdeutschen und insbesondere des alemannischen Sprachraums, in dem das Wort Allmende hauptsächlich im Schwange ist, sind Gemein 8, Gemain, Gemeinheit, Gemeinland, Gemeindeflur, Meinde, Mende, Meente, Meenmark, Gemeinmark/märk/merke, Gemeine Mark, Mark, Allermannsgut, Heingereide, Haingeraide, Heimgereide 9. Als amtliche und fachliche Bezeichnungen finden Verwendung: Allmendegut, Bürgergut, bürgerliches Nutzungsgut, Korporationsgut, Genossen(schafts)gut, Agrar gemeinschaft.
In den meisten Wörterbüchern wird mit beigefügtem »früher« oder »archaisch« darauf hingewiesen, dass das Wort Allmende nicht mehr allgemein verstanden wird. Bereits im 1964 erschienenen »Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache« wird das Wort als »veraltet« bezeichnet.
Das Wort Allmende kann und konnte neben der heute noch vor allem bekannten Verwendung zur Bezeichnung gemeinschaftlich genutzter Weiden ebenso Wälder, Ödland bzw. Heide, Wiesen, Äcker, (Fisch-)Gewässer, Lehm- und Sandgruben, Steinbrüche oder Rebland in gemeinsamer Nutzung bezeichnen, aber auch Wege, Plätze, Brücken, Zäune, Brunnen, Backöfen, Fleischbänke, Schmieden, den Anger, den Dorfgraben der sogenannten inneren Allmende 11, die der Gemeinschaft gehörten und gehören. Auch die Gemeinschaft der Nutzenden, die ganze Dorfgemeinschaft oder Gemeinde, die Institution als solche oder sich aus dieser ergebende (Nutzungs-)Rechte können Allmende genannt werden 12, teilweise auch individuell genutzte Flächen 13, wie es auch Allmenden gibt, die einem Nutzer bis auf die Dauer seiner Lebenszeit zugeteilt und von ihm gesondert genutzt werden.
Wenn wir im Folgenden von der – auch allgemein 15 üblichen und mit der Etymologie in Einklang stehenden – Definition der Allmende als »gemeinschaftlich Genutztes«, meist Land, ausgehen, ist noch zu klären, wie sich die Gemeinschaft der Nutzenden definierte: Wer gehörte dazu und wer eben nicht, wer hatte Rechte und wer eben nicht? Denn der Wortsinn von Allmende engt sich, wenn er gemäß der historischen Realität präzisiert wird, von »allen zukommend« auf »allen Berechtigten zukommend« oder »allen zum ›Wir‹ Zählenden zukommend« ein. So gesehen steht das All in Allmende eben nicht für alle, es schließt im Gegenteil alle anderen aus.
Allmendberechtigte Gemeindegenossen 16 waren in der Regel nur die erbberechtigten männlichen Nachkommen der alteingesessenen und mit größerem Besitz (sogenannte Vollbauern) begabten Familien mit ehelicher Haushaltung 17. Alle anderen – Frauen, die im besten Fall indirekt durch ihren Ehemann teilhatten, nicht erbberechtigte Geschwister, Ledige, nicht Alteingesessene – von Neuzuzüglern gar nicht zu reden –, Bauern mit kleinem Besitz oder Tagelöhner, Ausmärker, Häusler 18, Katner 19, Stümpler 20 hatten keine Allmendnutzungsrechte. Uneheliche Kinder und deren Mütter wurden nicht nur von der Allmende ausgeschlossen, sondern sogar aus der Gemeinschaft als solcher und mussten ihr Leben als ständig vom Tod bedrohte Vaganten fristen 21. Wir sprechen hier von einer rund 900 Jahre währenden Zeitspanne zwischen dem 10. Jahrhundert, in dem sich die ältesten überlieferten Belege für die Institution der Allmende finden 22, und um 1800 23, als die den weitaus größten Teil der Bevölkerung stellenden Bauern 24 im Zug der sogenannten Bauernbefreiung 25 aus dem Rechtsstand der Unfreiheit, Hörigkeit und Leibeigenschaft 26 entlassen wurden.
Wer von uns Heutigen will und darf dar über urteilen, was jene, die vor uns über das Land gefahren sind, unsere Vorfahren, im Umgang mit anderen Menschen für überlebensnotwendig hielten oder nicht? Der Mensch ist ein Hordenwesen, jeder Mensch Teil meist mehr als nur eines »Wirs«. Jedem »Wir« stehen »die Anderen« gegenüber. Fällt ein Rudel Schnecken über unsere Salatköpfe im Garten her, ist sofort klar, wer hier die berechtigten Allmendenutzer sind. Verstehen sich Leser der Zeitschrift Oya als Teil einer »kulturkreativen Bewegung« 27, stellt sich sogleich die Frage nach dem Umgang mit den »anderen«, die sich starrköpfig oder gar militant kultur-unkreativ verhalten.
Aber kehren wir zurück zur Allmende als gemeinschaftlich Genutztes (Land) im Gegensatz zu individuell Genutztem (Land). (»Allmende« und »Eigen « 28 sind sogenannte quellenmäßige Gegensätze, ebenso wie auch »offen alment« und »beschlossen guet« 29.)
Entgegen der im 19. Jahrhundert entstandenen und bis weit ins letzte Jahrhundert weitergetragenen Lehre 30 (die nebst für bürgerliche auch für Gesellschaftsentwürfe des Marxismus/Leninismus sowie des Natio nalsozialismus herangezogen wurde 31 und teilweise bis in die Gegenwart nachwirkt 32), die die Allmende als Ausgangspunkt der Entwicklung des Privateigentums sowie dörflicher Raum- und Verbandsbildung oder gar Überrest einer genossenschaftlichen Agrar verfassung ohne Privateigentum aus (»ur«-)germanischer Zeit anschauen wollte, wird sie heute als »Nutzreseve für Hof und Dorf«, »Randerscheinung des Nutzungsbedürfnisses«, »Sondererscheinung des innerdörflichen Nutzungsrechtes« und »sekundäre Wirtschaftsform« nebst der im Sondereigentum stehenden individuellen Hofhaltung mit den dazugehörigen Ackerflächen angesehen 33. Bader weist darauf hin, dass aufgrund begrifflicher Überlegungen von allgemeinem Gut nur im Gegensatz zu schon vorhandenem Sondergut 34 gesprochen werden kann35.
Belegt sind die Allmenden in den Quellen, unter anderen in den sogenannten Weistümern, Dorf- und Markordnungen des Hoch- und besonders des Spätmittelalters 36. Für frühere Zeiten dagegen ist selbst das Wort »kaum nachweisbar«37. Verschwinden die Allmenden seit 1800 durch ihre Auflösung zunehmend aus unserem Bewusstsein und Gedächtnis, unserer Sprache und unseren Wörterbüchern, so ist es die Landschaft selbst, die sie bis heute in vielen ihrer Orts- und Flurnamen bezeugt. 38 Wird von 1350 bis 1800 von der »klassischen Zeit der hoch regulierten Allmenden«39 gesprochen, so ist über ihre Entstehung nicht viel in Erfahrung zu bringen, außer, dass sie sich »seit der fränkischen Zeit 40 allmählich entwickelt« 41 haben.
Einer Zeit der hochregulierten Allmenden 42 ist wohl eine Zeit der niederregulierten Allmenden gegenübergestanden, als es mehr Land als Leute 43 gab 44. Die Frage, wessen Eigentum das in Besitz zu nehmende 45, einzufangende 46 Land 47 war, war schlicht irrelevant 48, worauf auch der etymologische Wortsinn des Worts eigen sowie die späte Entstehung des Worts Eigentum 49 und noch mehr die noch spätere Wandlung dieses Worts zur heutigen allgemeinen Bedeutung hinweist 50. Eigen bedeutete zunächst nichts anderes als »haben«, und besessen wurde das Land, indem man leibhaftig darauf saß und es nutzte. Durch eine dauerhafte Nicht-Nutzung konnte jemand sogar das Nutzungs- bzw. Besitz-Recht verlieren 51. »Keine Allmendgenossenschaft hat sich je mit der Frage abgemüht, ob sie ›Eigentümer‹ der Allmende sei, sondern immer nur um mehr oder minder ausschließliche Nutzung gerungen 52«. Die eigentliche (regulierte) Allmende war (noch) nicht nötig und wäre somit sinnlos gewesen53.Der Boden, die Arbeit oder Arbeitskraft waren noch keine Waren – bzw. die Fiktion, dass sie das seien (Polanyi), war noch nicht erschaffen. Den Menschen war das heutige allgegenwärtige Profitdenken unbekannt 54. Das Land und die Ahnen, die es prägten und von ihm geprägt wurden, und die hieraus entstandene Überlieferung bzw. Kultur waren Teil des weiter oben beschriebenen »Wirs« 55, das weder die Vereinzelung in der Massengesellschaft noch die angebliche oder wirkliche freie Entfaltung des Individuums kannte, dafür aber eine uns Heutigen unbekannte Art der Gemeinschaft 56, deren allererstes Gebot der in den Quellen immer wiederkehrende »gemeine Nutzen«57 war 58. Die Menschen der Zeit der Allmenden lebten in einer ganz anderen Welt, und viele unserer heutigen Begriffe sind dort nicht sinnvoll anwendbar. Vielleicht stellt genau deshalb die mit den Allmenden verbundene Weltsicht bedenkenswerte Fragen an unser heutiges In-der-Welt-Sein.
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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